
Zeit für den nächsten Grenzgang … dieses Mal geht es bei unserer Reihe zwar nicht ins Ausland, aber erneut „über den Rhein“ – nach Rheinland - Pfalz. Wenn die Tage kürzer werden und der Nebel über dem Fluss hängt, entfaltet Speyer seinen ganz eigenen Zauber. Die Stadt mit dem mächtigen Dom, den kopfsteingepflasterten Gassen und dem lebendigen Kulturleben ist im Winter ein Ziel für Genießer, Geschichtsliebhaber – und für alle, die einfach einen stimmungsvollen Tag erleben wollen.
Der Tag beginnt mit einem Blick in die Vergangenheit – und im Wahrzeichen der Stadt. Der Kaiserdom zu Speyer, UNESCO-Welterbe und Symbol romanischer Baukunst, ragt majestätisch über die Dächer der Altstadt. Er ist nicht nur die größte erhaltene romanische Kirche der Welt, sondern auch ein Monument europäischer Geschichte. Kaiser Konrad II. legte im 11. Jahrhundert den Grundstein, um hier die Grablege für seine Familie - die Salier - zu schaffen – acht Kaiser und Könige folgten ihm. Bereits im Eingangsbereich künden imposante Statuen von Salierkaisern vom reichen historischen Erbe der Erbauer, die hier einst herrschten.
Und auch einem anderen Wahrzeichen kann man hier am Portal begegnen: Dem Speyerer „Brezelbu“ (Brezeljunge) Ferdinand, dem Bildhauer Gottfried Renn hier ein Denkmal geschaffen hat. Wer ihn findet, bekommt eine Brezel, bis heute ein Markenzeichen der Stadt, das sogar auf den Ampeln zu finden ist.
Innen herrschen Schlichtheit und stille Würde – im Winter entfaltet der Dom eine besondere Aura: Wenn das Licht durch die Rundbogenfenster fällt und der Weihrauch vom Adventsgottesdienst in der Luft hängt, bekommt man eine Ahnung davon, warum dieser Ort seit fast tausend Jahren Pilger anzieht. Draußen dampfen Atemwolken, drinnen schwingt das Geläut über die Altstadt – und wer früh genug kommt, hört die Chorproben oder die Orgel im Advent, die die Stille mit Leben füllt.
Ab Heiligabend bis zum 2. Februar lohnt sich der Besuch besonders für Familien: Die große Krippenlandschaft im südlichen Seitenschiff gehört dann zu den Hauptanziehungspunkten im Dom.
Im Untergeschoss, in der Kaisergruft, erzählen die steinernen Sarkophage von Macht, Vergänglichkeit und Glauben. Und wer die 304 Stufen zur Aussichtsplattform auf dem Südwestturm erklimmt, sieht Speyer von seiner vielleicht schönsten Seite: Die Dächer mit Raureif, die glitzernde Rheinebene, die Pfälzer Berge im Dunst – ein Blick, der sich einprägt. In den Wintermonaten ist ein Besuch der Plattform nur im Rahmen einer Führung möglich.
In den frühen Morgenstunden, wenn noch kaum Touristen unterwegs sind, leuchtet das Sandsteinmauerwerk des Doms im Winterlicht besonders warm. Vom Domplatz aus ergeben sich stimmungsvolle Fotomotive – vor allem nach einem leichten Schneefall.
Nur wenige Schritte entfernt lohnt sich ein Besuch im Historischen Museum der Pfalz: Dort laufen regelmäßig Sonderausstellungen, oft auch mit familienfreundlichen Themen – von Römern bis zu Kinderbuchhelden. Gerade wenn das Wetter etwas schmuddelig ist, ist ein Besuch hier lohnenswert. Die Ausstellungen sind pädagogisch-didaktisch stets auf hohem Niveau und kindgerecht aufgearbeitet.
Batman, Spiderman, Superman & Co. kann man vom 21. Dezember 2025 bis zum 18. Oktober 2026 im Historischen Museum ganz nahe kommen: Bei der Sonderausstellung "Superheros".
Speyer war über Jahrhunderte eine Stadt der Übergänge – geografisch, kulturell und politisch. Als Tor zur Pfalz und Nachbarin Badens lag sie an einer der wichtigsten Handelsrouten zwischen Frankreich, dem Elsass und Süddeutschland. Über den Rhein kamen Salz, Wein und Stoffe, hinaus gingen Metallwaren und Glas aus der Region. Diese Lage prägte den offenen Charakter der Stadt bis heute: Speyer war nie Grenzstadt im abweisenden Sinn, sondern ein Ort des Austauschs. Wer heute über die Rheinbrücke Richtung Baden fährt, ahnt kaum, dass hier einst Zölle erhoben, Sprachen gemischt und Kulturen miteinander verwoben wurden.
Speyer, Worms und Mainz – drei Städte, die gemeinsam Geschichte schrieben. Unter dem Namen SCHUM-Städte (gebildet aus den hebräischen Anfangsbuchstaben der Städtenamen: Schin für Schpira/Speyer, Waw für Warmaisa/Worms, Mem für Magenza/Mainz) gelten sie als Wiege des aschkenasischen Judentums in Europa.
Im Mittelalter entwickelten sich hier bedeutende jüdische Gemeinden mit Schulen, Synagogen und Gelehrten, deren Schriften bis nach Prag und Krakau wirkten. In Speyer wurde um 1100 eine der ersten Synagogen Mitteleuropas errichtet – Teile davon, ebenso wie die beeindruckende Mikwe (das rituelle Tauchbad), sind noch heute im Judenhof zu sehen.
Seit 2021 gehören die SCHUM-Stätten zum UNESCO-Welterbe. Sie stehen nicht nur für religiöse Geschichte, sondern für das friedliche Zusammenleben von Kulturen über Jahrhunderte hinweg – und machen Speyer zu einem Ort, an dem europäische Identität greifbar wird.
Ab Ende November verwandelt sich Speyers Maximilianstraße in ein Lichtermeer. Die Hauptader zwischen Domnapf, Alter Münz und Altpörtel, dem noch erhaltenen Stadttor, ist dann Heimat für Budenzauber, Weihnachtsduft und Glühweindampf. Hier reihen sich Buden aneinander, geschmückt mit Tannengrün, Holzsternen und rotem Stoff. Viele der Aussteller stammen aus der Region – Kunsthandwerker aus der Pfalz, Töpfer aus dem Elsass, Bäcker aus der Südpfalz.
Das kulinarische Angebot hat Pfälzer Charakter: Winzerglühwein, Neuer Wein mit Dampfnudeln, oder süße Weckmänner aus Hefeteig. Wer Lust auf etwas Besonderes hat, probiert den „Speyerer Wintertraum“ – einen hellen Glühwein mit Orangenzeste, den es nur hier gibt. Daneben laden Kunsthandwerk, Holzspielzeug und regionale Spezialitäten zum Versuchen und Weihnachtsgeschenke-Einkaufen ein. Und das Ganze gibt es sogar bis ins neue Jahr – denn der Speyerer Weihnachtsmarkt geht bis zum 6. Januar.
Wer es lieber ruhiger mag, findet ringsum in den kleinen Seitengassen gemütliche Cafés, in denen heiße Schokolade und Rahmkuchen serviert werden. Besonders beliebt: das Café Maximilian mit Blick auf die Lichter der Hauptstraße.
Für Familien ist das Auto und Technik Museum Speyer ein Pflichtstopp – und gerade im Winter eine gute Alternative, falls das Wetter ungemütlich wird. Riesige Flugzeuge, Tauchboote, Dampfloks und ein IMAX-Kino sorgen für staunende Gesichter. Der Eintritt ist familienfreundlich gestaffelt, und viele Exponate dürfen sogar betreten werden. Über allem thront die Boeing 747 im Landeanflug, hier kann man einen Blick ins Cockpit werfen und wer keine Lust hat, die Stufen auch wieder herunterzusteigen, der kann sich einfach einen Teppich schnappen und die Rutsche nehmen.
Danach lohnt ein Spaziergang hinunter zum Rhein. Auf der Promenade herrscht im Winter eine besondere Ruhe – Nebelschwaden über dem Wasser, die Pappeln am gegenüberliegenden Altrheinufer geheimnisvoll umhüllt, Möwen, die kreischend kreisen, beleuchtete Schiffe auf dem Wasser und der Duft von Holzfeuern aus den nahen Häusern.
Im Technik Museum können Kinder selbst auf Entdeckungsreise gehen – etwa im U-Boot „U9“ oder dem russischen Space Shuttle „Buran“. Direkt daneben: ein großer Abenteuerspielplatz und das Sea-Life-Aquarium mit bunten Unterwasserwelten.
Wenn die Dämmerung hereinbricht, wird Speyer richtig festlich. Lichterketten spannen sich über die Maximilianstraße, der Dom wirkt wie in Gold getaucht, und die Stände des Weihnachtsmarkts bleiben bis in die Abendstunden geöffnet. Viele Besucher wärmen sich mit einem Glas Pfälzer Glühwein oder einem heißen Apfelpunsch – dazu gibt’s Dampfnudeln mit Vanillesoße oder Deftiges vom Grill. Zwischen dem festlich beleuchteten Altpörtel und dem gerade runderneuterten Domfassade wirkt die ganze Stadt wie eine Bühne. Straßenmusiker spielen Weihnachtsklassiker, Kinder drehen Runden auf dem historischen Karussell, und über allem liegt der Duft von Vanille, Wachs und Holzfeuer.
Wer noch Zeit hat, lässt den Tag in einer der traditionellen Weinstuben ausklingen – mit regionalem Riesling und Blick auf den leuchtenden Dom. „Zum Wohl - die Pfalz“ – dieser Marketingslogan wurde vermutlich in Speyer ersonnen … Einer Stadt, die im Lichterglanz strahlt, ohne laut zu werden. Wer durch die Gassen schlendert, den Dom betrachtet und den Duft von Zimt und Holzfeuer einatmet, spürt: Weihnachten ist hier keine Jahreszeit, sondern ein Gefühl.
Speyer ist ideal mit dem Zug erreichbar, etwa über Mannheim oder Karlsruhe. Vom Bahnhof sind es nur rund 15 Minuten zu Fuß in die Innenstadt. Der Weihnachtsmarkt hat meist ab Mitte November bis Anfang Januar geöffnet, der Eintritt ist frei. Viele Museen bieten Kombi-Tickets oder Familienpreise.
► GrenzGänge: (Kunst)Geschichte & Architektur im Dreiländereck


