Freizeit

Großrinderfelder Panorama-Tour: Schritte ums Dorf

Nicht nur die Täler sind hier bezaubernd, auch die Höhen haben Charme. Die Großrinderfelder Panorama-Tour beweist das auch in der kalten Jahreszeit.
Aussichtsbank bei GroßrinderfeldFoto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Die Region im nördlichen Dreiländereck von Baden, Württemberg und Bayern ist als „Liebliches Taubertal“ weithin bekannt. Die Panorama-Tour von Großrinderfeld zurück nach Großrinderfeld lockt mit schönen Aussichten.

Unsere Wanderung beginnt an einer Nahtstelle: Die Lage an der Grenze diverser Herrschaftsgebiete spiegelt sich in der Geschichte von Großrinderfeld wider: Der Graf Ludwig von Rieneck (im heutigen bayerischen Bezirk Unterfranken) hatte es 1312 dem Stift Aschaffenburg geschenkt, von wo es an das Bistum Würzburg ging. In dieser Zeit war das Dorf mit einem Graben, einem Erdwall und einem Holzzaun gesichert. Zugang gab es nur über zwei Tore, die zwischen 10 Uhr nachts und 6 Uhr morgens geschlossen wurden. Verhältnisse mithin, wie man sie sonst nur von Städten kannte und die den Ort in weitem Umkreis zu etwas ganz Besonderem machten.

Wegkreuz bei Großrinderfeld.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Wegkreuz bei Großrinderfeld.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Fließend Fränggisch

Letzteres zumindest gilt praktisch heute noch, auch wenn in den folgenden Jahrhunderten die Herrschaft einige Male wechselte. Wer sich mit den Rinderfeldern unterhält, kann das sogar hören: Nach den Dialektforschern der Uni Tübingen sprechen sie wie sonst nur wenige im Ländle das Unterfränkische. Schon im nur zehn Kilometer entfernten Tauberbischofsheim pflegt man eine ganz andere Mundart.

So fehlen zum Beispiel die Konsonanten P und T, hier kennt man nur B und D, lebt also in Franggen und spricht daher Fränggisch. Heimelig, gemütlich hört sich das an, und der Eindruck bestätigt und verstärkt sich auf dem Weg vom Marktplatz – hier erinnert einer der wenigen im Ländle prominent platzierten Gedenksteine an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 – hinaus aus dem Dorf. Der heimische Sandstein dominiert die Bauten; in den Gärten stehen uralte Bäume hinter jahrhundertealten Mauern, auf denen Hauswurzen und Moose prächtig gedeihen.

Marktplatz von Großrinderfeld.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Marktplatz von Großrinderfeld.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Madonnenländle

Die Natur beherrscht fast die komplette Strecke dieser herrlichen Wanderung. Nach nicht mal einem Kilometer können wir schon in die Weite dieser Landschaft eintauchen, gerade jetzt, wenn die Felder abgeerntet sind und das Braun der Ackerkrume sich unter blauem Himmel ausbreitet.

Überaus eindrucksvoll ist auch der Blick vom Häusemerberg mit seinen gemütlichen Holzliegen. Der reicht nicht nur zu den nahen Kuppen von Beilberg und Heßberg, sondern auch weit in die Ferne in drei völlig verschiedene Landschaften: das Untere Taubertal, den Spessart und den Odenwald. Wer sich zurücklehnt, kann am Himmel dem Roten Milan zusehen, wie er seine Kreise über den Feldern zieht und über dem nahen Wald, in dem er seinen Horst hat. An seinem gegabelten Schwanz und seinem pfeifenden Ruf ist er leicht zu erkennen.

Feldweg.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Feldweg.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Förmlich mit der Landschaft verwachsen sind die vielen Bildstöcke entlang der Wiesen und Äcker, die seit alters her von der Volksfrömmigkeit der Menschen zeugen. Nicht ohne Grund zählt die Gegend zum sogenannten Madonnenland. Der badische Volkskundler Hermann Eris Busse und der Mundartdichter Carl Reichert haben es vor gut 100 Jahren so tituliert wegen der vielen Zeugnisse der Marienverehrung besonders aus der Zeit der Gegenreformation. Später haben die Touristiker die Verkleinerungsform für ihre Werbung entdeckt und ein „Madonnenländchen“ daraus gemacht.

Die Morde auf dem Acker

Die direkt auf den Boden aufgesetzten dicken Kreuze, an denen wir immer wieder vorbeiwandern, haben indes nichts mit der Muttergottes zu tun. Sie sind vielmehr steinerne Zeugen von Verbrechen. Ein Gewann heißt sogar „Kreuze“. Denn dort soll einst nicht nur das eine eindrucksvolle Mahnmal gestanden haben, sondern gleich sieben sollen es gewesen sein. Der Überlieferung nach soll im Mittelalter eine Schar „Burschen und Jungfern“ zum Tanz ins zehn Kilometer entfernte Neubrunn (heute jenseits der bayerischen Grenze) aufgebrochen sein. Schon auf dem Tanzboden machten sich dabei Eifersüchtelein breit, die auf dem Heimweg ausarteten: Gleich sieben junge Männer überlebten die Rauferei nicht! „Ein Krimi aus dem Mittelalter“ gewissermaßen …

Sühnekreuz.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Sühnekreuz.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Der Main-Tauber-Kreis, in dem wir uns jetzt befinden, gilt übrigens als der Kreis mit den meisten Sühnekreuzen im Ländle. Was aber im Umkehrschluss nicht bedeuten muss, dass es dort besonders blutig zugegangen ist. Der Philologe und Jurist Bernhard Losch erklärte dies vor 40 Jahren in seiner Arbeit „Sühne und Gedenken“ vielmehr mit der landwirtschaftlichen Struktur dieser Gegend: Anders als in den total zugebauten Ballungsräumen, in denen sich Wohnungen und Industrie breitmachten und derlei Kleindenkmale zumeist einfach auf den Schutt geworfen wurden, habe sich die Landschaft dort noch weitgehend ursprünglich erhalten.

Vom Streuobst zur Gruselquelle

Zu der gehören auch die Streuobstwiesen, deren Astgewirr im Winter bizarre Formen vor den Horizont zaubert. Viele befinden sich in Gemeindeeigentum und werden von Freiwilligen gepflegt, die im Herbst die alten Sorten ernten und in ihren kühlen Gewölbekellern einlagern dürfen. Den ‘Winterrambour’ zum Beispiel erwähnt eine bereits mehr als drei Jahrhunderte alte Schrift; der ‘Rote Reiserapfel’ wurde sogar schon vor einem halben Jahrtausend beschrieben; der ‘Kaiser Wilhelm’ bringt es – wenn auch zunächst unter anderem Namen – immerhin auf 200 Jahre.

Die Streuobstwiesen im und überm Taubertal bieten mit ihren hochstämmigen Bäumen einen wertvollen Lebensraum für eine vielfältige Tierwelt: Grünspecht, Gartenrotschwanz und Steinkauz fühlen sich dort ebenso wohl wie das Braune Langohr (2022 zur „Fledermaus des Jahres“ gekürt), Hasel- und Feldspitzmaus, Gartenschläfer und Mauswiesel oder Admiral, Schwalbenschwanz und Goldene Acht als Repräsentanten der Schmetterlinge. Und viele große Bienenhotels bieten darüber hinaus allerlei Insekten ein komfortables Domizil.

Insektenhotel.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Insektenhotel.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Ganz ohne Tal kommt freilich auch die Panorama-Tour nicht aus. Und daher senkt sich der Weg nach rund einem Drittel durch den idyllischen Ewald am Höhberg hinunter zum Werbach. An dessen Ufer steht mit der Liebfrauenbrunnkapelle ein Wallfahrtsziel mit ganz besonderer Geschichte: Deren Vorgängerbau soll nämlich vor 1753 ein Büttenredner (die Zugehörigkeit zu Mainz lässt grüßen) gebaut haben – Georg Martin Erlenbach widmete seiner Frau auch gleich noch einen Bildstock in der Nähe.

Liebfrauenkapelle am Werbach.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Liebfrauenkapelle am Werbach.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Nicht lustig, sondern gruselig geht es hingegen in der Sage um die Quelle im Gewölbekeller des Kirchleins zu: Ein unguter Zeitgenosse namens Geiz-Märtle ärgerte sich vor rund 600 Jahren darüber, dass im Sommer Landarbeiter immer über sein Grundstück liefen, um an einem Naturbrunnen ihren Durst zu stillen. Der Böse vergiftete daher das Wasser mit Quecksilber, musste das aber bitter büßen: Sein Sohn ertrank, seine Frau starb aus Gram, und er selbst wurde blind. Erst als er versprach, zu Ehren Marias eine Kapelle errichten zu lassen, wurde er wieder gesund.

Liebfrauenkapelle Großrinderfeld.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Liebfrauenkapelle Großrinderfeld.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Werbach, Wacholder und Wein

Am Wendepunkt unserer Wanderung tut sich kurz darauf Erdgeschichte buchstäblich vor unseren Augen auf: Der mächtige Steinbruch von Werbach gilt als der einzige vollständige Aufschluss des Unteren Muschelkalks in Baden-Württemberg. Er ist daher nicht nur Rohstofflieferant, sondern auch für Geologen von hohem wissenschaftlichem Interesse. Bio- und Ökologen wiederum haben direkt daneben ihre Freude: Im Naturschutzgebiet Lindenberg gedeihen Pflanzen und Tiere ganz prächtig, die Trockenheit und Wärme lieben. Die Wacholdersträucher und -bäume sind auch in der kalten Jahreszeit eine Augenweide.

Dem Gaumen wiederum bereitet der Wein Freude, der in Großrinderfeld früher in großem Stil angebaut wurde. Gegenüber den 80 Hektar, die in alter Zeit der Produktion des Rebensafts dienten, muten die Weinstöcke am Beilberg zwar verschwindend gering an. Aber romantische alte Mauern erzählen auf diesem letzten Drittel der Panorama-Tour genauso beeindruckend von der einstigen Bedeutung des Weinbaus wie das Weinbergkreuz, das die Gemeinde 1759 dort errichtete, um Schutz für die Weinstöcke „vor Haagel und Frost“ zu sichern. Die Figur des heiligen Urban an dessen Fuß ist beeindruckend gut erhalten.

Naturschutzgebiet am Lindenberg.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Naturschutzgebiet am Lindenberg.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

Wo der Götz räuberte

Vielleicht rührte der einstige Boom des Großrinderfelder Weinbaus nicht zuletzt von der verkehrsgünstigen Lage an einer Hauptverbindungstrasse im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Der letzte Teil der Panorama-Tour verläuft quasi auf der sogenannten „Geleitstraße“ von Nürnberg über Würzburg nach Frankfurt und Mainz. Auf diesen Wegen genossen Handelszüge, aber auch Pilger Schutz – für den sie bezahlen mussten. Weswegen die jeweiligen Territorialherrscher ein großes Interesse hatten, eine möglichst lange Strecke auf ihrem Gebiet zu schaffen. Darüber gerieten die Bischöfe von Mainz und Würzburg aller christlicher Nächstenliebe zum Trotz immer wieder in Streit. Sollte trotz der Begleitung durch Knechte, Söldner oder Untertanen des jeweiligen Landesherrn etwas vorkommen, musste dieser haften. Einen besonders spektakulären Überfall verübte der berühmte Götz von Berlichingen im Mai 1512 auf 85 Kaufleute, die von der Leipziger Messe heim nach Nürnberg wollten – was dem „Ritter mit der eisernen Hand“ die Reichsacht einbrachte.

Der Heilige Urban.Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann
Der Heilige Urban.
Foto: MEIN LÄNDLE/Jürgen Gerrmann

So etwas kann uns auf dem Weg zurück nach Großrinderfeld zum Glück nicht passieren. Anders als den Reisenden im Mittelalter würde uns auch keine hohe Strafe drohen, wenn wir von der exzellent markierten und ausgeschilderten Wanderstrecke abwichen – aber warum sollten wir? Die Großrinderfelder Panorama-Tour ist einfach zu schön.

Karte der Panorama-Tour Großrinderfeld.Foto: MEIN LÄNDLE
Karte der Panorama-Tour Großrinderfeld.
Foto: MEIN LÄNDLE

Großrinderfelder Panorama-Tour

Start und Ziel: Marktplatz Großrinderfeld (GPS 49.665961, 9.733269)
Strecke: 16,5 km
Gehdauer: 4,5 Stdn
Höhenunterschied: je 320 Meter Auf- und Abstieg
Schwierigkeitsgrad: Grundkondition erforderlich, mit genügend Zeit aber kein Problem
Infos:
www.liebliches-taubertal.de
www.grossrinderfeld.de

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von MEIN LÄNDLE/Jürgen Germann/red
27.03.2023