
Gelegenheit zum Verweilen, Zeit für Besinnlichkeit – und eine kleine Wanderung durch eine winterliche Märchenwelt. Rund 30 weihnachtliche Engelstationen und kunstvolle Dekorationen erleuchten den knapp vier Kilometer langen Engelweg in Glottertal.
„Es gibt Engel für deine Träume, dass sie sich erfüllen mögen“ – steht in schlichter weißer Schrift auf einem Engelflügel. Zwei kleine goldene Sterne glänzen daneben, ein dritter ist abgefallen, zurückbleibt ein zarter Klebepunkt im unteren Flügeldrittel. Vor der Szene verweilt eine vierköpfige Frauengruppe. Sie stehen still, lassen die Worte wirken, schauen die Engel an, tauschen leise Gedanken aus. Dann setzen sie ihren Weg fort, Schritt für Schritt, gespannt, was die kommenden Stationen noch bereithalten.
Der Glottertäler Engelweg hat sich in den letzten Jahren zu einem winterlichen Highlight entwickelt. Begann er vor mehr als einem Jahrzehnt mit 18 Stationen, so zählen Besucher heute rund 30 Engel- und Krippenstationen entlang der Strecke.
Alles begann im Winter 2011 mit einer einzelnen Engelsskulptur: Marlene Heizmann, damals Vorsitzende des örtlichen Tourismusvereins und Pensionswirtin, entdeckte den Engel auf einer Messe in Freiburg, etwa 15 Kilometer entfernt. Begeistert stellte sie ihn im Advent in den Vorgarten ihres Hauses. Die Szene gefiel nicht nur Einheimischen, sondern zog auch zahlreiche Besucher an. Zur gleichen Zeit dekorierte Pensionswirtin Carola Gschwander in der Adventszeit eine kleine Grotte mit Lichtern und einer Krippe vor ihrem Haus. Das weckte den Wunsch, das kleine Tal in ein ganzheitliches Engelreich zu verwandeln.
Trotz anfänglicher Skepsis in der Gemeinde ließen Heizmann und Gschwander nicht locker. Mit Unterstützung weiterer Engagierter entstanden die ersten Glottertaler Engelskörper aus Holz – nach Vorlagen von Heizmanns Engel. Die Flügel schnitzten Jugendliche der Jugendfeuerwehr. Die Suche nach geeigneten Standorten für die Engel war nicht ohne Herausforderungen, doch die Ausdauer der Initiatorinnen zahlte sich aus.
Schon bald kam der Bildhauer und Künstler Simon Stiegeler aus Grafenhausen hinzu. Er entwarf seine sogenannten „Flügelwesen“ – imposante Skulpturen aus altem Glottertaler Rebholz, ohne Arme und Gesichter. Drei dieser eindrucksvollen Werke bewachen heute unter anderem den sogenannten „Kreativ-Künstler-Platz“ (Waldemar-Koch-Platz) im Tal. Hier können Gruppen und Einzelpersonen ihre Engelkreationen präsentieren. So bleibt der Engelweg lebendig, vielseitig und jedes Jahr neu dekoriert – nicht zuletzt von Kindergartenkindern aus der Umgebung.
Ein weiterer Höhepunkt sind die weihnachtlich geschmückten Rebhäusle und der stillgelegte Stolleneingang, in dem kunstvolle Krippen ausgestellt werden.
Die vierköpfige Frauengruppe aus dem Anfangsbild ist mittlerweile am Gasthof „Zum Goldenen Engel“ angekommen. Das Haus blickt auf eine über 500-jährige Tradition zurück. Auch der Gasthof hat seine eigene Engelgeschichte: 1953 brannte er bis auf die Grundmauern nieder. Eine Engelsfigur – eine Madonna im Wirtsschild – konnte im letzten Moment gerettet werden und fand im neu gestalteten Gastraum einen exponierten Platz. Wer genau hinsieht, erkennt sogar das verkohlte Hinterteil der Figur – ein stiller Zeuge der Geschichte.
Der Engelweg führt weiter hinaus aus dem Ort, hinauf in die Weinberge. Oberhalb des Friedhofs thront eine Kapelle mit einer bewegenden Geschichte: Die Wirtin des Gasthauses „Hirschen“ legte während des Krieges ein Gelöbnis ab – sollte ihr Sohn gesund heimkehren, würde sie ihr Rebhisli in eine Kapelle umbauen. Der Sohn kam zurück, und so steht die Kapelle als Zeichen der Dankbarkeit bis heute mitten in den Weinbergen.
Vom Friedhof geht der Weg weiter über den Winzerpfad bis zum Schwimmbad. Hier überquert der Engelweg die Landesstraße, führt über die Kandelstraße und den Rathausweg zurück ins Herz des Ortes. Am Hotel „Sonnenhof“ verweilt die Gruppe erneut: Auf einem Flügel steht geschrieben: „Wir sind die Engel mit nur einem Flügel. Um fliegen zu können, müssen wir uns umarmen.“ Dieses Zitat von Luciano de Crescenzo lädt zum Nachdenken ein. Wer die Sprüche in Ruhe nachlesen möchte, findet im Engelweg-Booklet von Heimatfotograf Bernhard Würzburger eine Sammlung aller Verse. Vor Ort fördern die Sprüche nicht nur die Besinnung, sondern auch den Austausch – ein zentraler Gedanke des Engelwegs. „Der Engelweg soll verbinden – Menschen, Orte, Geschichten“, so das Fazit von Andrea Würzburger von der Tourist-Information Glottertal. Das tut er.
Der Engelweg im Glottertal lebt nicht nur vor Ort, sondern auch in liebevoll gestalteten Büchlein weiter. Drei Bände und ein jährlicher Engel-Kalender sind bereits erschienen. Neu hinzugekommen ist ein Büchlein mit berührenden Engel-Märchen aus dem Glottertal, gestaltet vom Heimatfotografen Bernhard Würzburger und der Märchenerzählerin Alex Zane.
Mit stimmungsvollen Bildern, Versen und Geschichten bringen sie den Zauber des Engelwegs auch fernab des Tals ins Herz. Erhältlich sind die Bücher und Kalender in der Tourist-Information, in Glottertaler Geschäften oder online: www.bernhard-wuerzburger.de/shop.
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