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Klangreise in BW: Glockenklang von Schwarzwald bis Bodensee

Eine Reise zu den großen Tönen: Das gesamte Jahr über klingt es von Kirchtürmen oder Rathausdächern – vor allem bei uns im Süden.
Blick von unten in das Carillon Herrenberg mit vielen Glocken
Glockenklänge im Südwesten: Die Glocken in Herrenberg locken jedes Jahr zahlreiche Besucher an.Foto: Glockenmuseum Herrenberg

Süßer die Glocken nie klingen … so heißt es in einem alten Weihnachtslied. Doch nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern das gesamte Jahr über klingt es von Kirchtürmen oder Rathausdächern – vor allem bei uns im Süden.

Glocken gehören in Baden-Württemberg zum Klang der Heimat. Sie markieren seit Jahrhunderten Alltag und Ausnahmezustand, rufen zu Festen und zum Innehalten, zeigen die Zeit an, erzählen von Handwerk, Musik und Glauben – und sie sind, vom Mittelalter bis heute, Teil lebendiger Kultur. In Freiburg schlägt eine der ältesten Glocken der Welt, in Konstanz ertönt ein mächtiges Gesamtgeläut und am Schwörmontag wird in Ulm Tradition hörbar. Dazwischen: Werkstätten, die die alte Kunst heute noch beherrschen.

2025 ist nicht nur für sie ein besonderes Jahr: Am 26. März dieses Jahres hat Deutschland das Glockengießerhandwerk und die Glockenmusik in das Verzeichnis des Immateriellen UNESCO Kulturerbes aufgenommen – ein Siegel, das passt wie die Krone zur Glocke.

Denn so bekam ein jahrhundertealtes Können den Rahmen, den es - nicht nur als Handwerk – verdient. Die Auszeichnung würdigt, was in Türmen, Werkstätten und Gemeinden seit Generationen geschieht – aus Lehm und Bronze entsteht klingende Kultur, getragen von Ritualen, Tönen und Geschichten, die Orte miteinander verbinden.

Gerade im Ländle ist dieser kulturelle Klangraum dicht: Vom Schwarzwald bis an den Bodensee treffen mittelalterliche Meisterwerke auf lebendige Werkstatttradition. Hier schwingen Glocken, die Städte geprägt haben, und hier halten Gießerfamilien das Wissen um Kern, Mantel und Bronze lebendig. Wer hier hinhört, hört Geschichte – und Gegenwart im selben Ton.

Wo klingelt’s groß?

Über den Köpfen der Freiburger schwingt die „Hosanna“. Ihr Ton ist warm und weit, ihr Ruf traditionsreich. Und sie ist uralt. Wenn man bedenkt, dass sie 1258 gegossen wurde, kurz nach dem Tod von Konrad IV., dem letzten Stauferkönig, hängen im Glockenstuhl des Münsters nicht nur über 760 Jahre Glockengeschichte, sondern ein ganz schön schwerer Zeitzeuge. Genauer 3,2 Tonnen schwer. Die „Hosanna“ ist eine der größten erhaltenen Glocken aus dem Mittelalter und hat die Geschichte überdauert.

Spätzlezeit

Freitags um elf Uhr läutet sie, um an die Kreuzigung Christi zu erinnern. Diesem Läuten verdankt sie auch ihren Spitznamen bei den Freiburgern: „Spätzleglocke“. Denn wie nicht nur jede schwäbische, sondern auch badische Hausfrau weiß: Wenn um 12 die Spätzle auf dem Tisch stehen sollen, ist es eine Stunde vorher Zeit, das Wasser aufzusetzen. Ein praktischer Reminder also, jedenfalls in Freiburg.

Freiburger Münster, Münsterplatz 1

Turm-Öffnungszeiten: Sa., 11 – 16 Uhr, So., 13 – 17 Uhr

Eintritt: 5 Euro (erm. 3 Euro), Familien 13 Euro

Blick auf das historische Münster von Konstanz am Abend. Beleuchtete Fenster
Schön beleuchtet: Die Konstanzer Altstadt mit ihrem Münster.Foto: Leo Leister/MTK

Glocken mit Seeblick: Konstanz

Nicht minder eindrucksvoll ist das Großgeläut des Konstanzer Münsters – das größte in Baden-Württemberg und nach dem Kölner das zweitgrößte in Deutschland. 19 Glocken mit ca. 35 Tonnen Gesamtgewicht schlagen hier die Stunde, viele Einzelstimmen fügen sich zu einem einzigen, atmenden Klangkörper. Auch hier sind historische Stücke zu finden – zum Beispiel das Totenglöckchen, auch Zuckerhutglocke genannt, das um ca. 1200 gegossen wurde.

Konstanzer Münster, Münsterplatz 1

Turm-Öffnungszeiten: Mo. – Sa., 11 - 17 Uhr, So., 12.30 - 17 Uhr

Eintritt: 4 Euro (erm. 2,50 Euro)

Glocken spielen nicht nur in der Kirchengeschichte seit Jahrhunderten eine große Rolle.
Mittelalterliches Bild einer Glocke.Foto: GettyImages/duncan1890/Digital Vision Vectors/Getty Images plus

Mittelalterliches Ulm

In Ulm spielt eine Glocke eine besondere Rolle im Jahreslauf: Nur am Schwörmontag, dem wohl höchsten Ulmer Feiertag, erklingt die mittelalterliche Schwörglocke vom Münsterturm, wenn nebenan auf dem Weinhof der Oberbürgermeister den Bürgereid feierlich erneuert. Noch bis der technische Fortschritt 1953 mit der Motorisierung Einzug hielt, war das Glockenläuten hier übrigens Handarbeit und Aufgabe der Türmer oder Läutejungen.

Ulmer Münster, Münsterplatz 21

Turm-Öffnungszeiten: tägl. 10 - 16 Uhr, die 102-m-Ebene kann täglich von 10 bis 15 Uhr bestiegen werden. Die 143-m-Ebene ist derzeit nicht begehbar.

Eintritt: 9 Euro (erm. 6 Euro), Familienkarte 23 Euro

Kirchturm der Herrenberger Stiftskirche im Herbst
Atmosphärisch: Die Stiftskirche in Herrenberg.Foto: Glockenmuseum Herrenberg

Glockenmuseum Herrenberg

Auch in Herrenberg kann man Glockengeschichte erleben: Hoch über der Altstadt lagert im Turm der Stiftskirche ein einzigartiges Ensemble aus über 35 läutbaren Glocken – eine klingende Zeitreise durch zwölf Jahrhunderte. Trotz des Namens sind im Glockenmuseum keine Museumsstücke, die außer Gebrauch gekommen sind, zu sehen und zu hören, sondern Glocken, die ihren althergebrachten Dienst tun. Aktuell ist das Museum zwar wegen baurechtlicher Gründe geschlossen, Einzelbesichtigungen von Kleingruppen interessierter Glockenfreunde nach vorheriger Anfrage sind aber ggf. möglich.

Stiftskirche
Kirchgasse 7, 71083 Herrenberg
glockenmuseum-stiftskirche-herrenberg.de/ ;

Weitere Fixpunkte in Sachen Glockenkultur im Ländle setzt der Brückenturm der Esslinger Stadtkirche St. Dionys mit seiner wuchtigen „Gloriosa“, während die Basilika St. Martin in Weingarten nicht nur ein mächtiges Geläut besitzt, sondern auch reich an Sagen ist.

Historisches Foto mit mehreren Männern auf einem Wagen mit drei Glocken
So sah eine Glockenablieferung Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Das Bild stammt aus Schwetzingen.Foto: Stadt Schwetzingen

Traditions-Handwerk

Hinter allen Klängen steht ein Handwerk, das vor allem den Süden geprägt hat – und noch heute prägt. Glockengießerfamilien arbeiteten über Generationen, schufen Geläute für Städte und Dörfer, erneuerten nach Kriegen, restaurierten nach Rissen.

In der Nachkriegszeit prägte die Heidelberger Gießerei Schilling mit Tausenden neu gegossener Glocken den Klang vieler Kirchen. Heute führt unter anderem die Glockengießerei Bachert im badischen Neunkirchen im Odenwald die Tradition fort.

Aus Metall wird Ton

Wer einmal einen Guss erlebt, vergisst den Moment nicht: Wenige Handgriffe entscheiden hier über Form und Ton, dann füllt das Metall den Hohlraum, es zischt, es dampft, und mit dem Erkalten ist ein neues Musikinstrument geboren. Kein Wunder also, dass ein gewisser Friedrich Schiller aus Marbach bereits 1799 diesem Vorgang eines wohl seiner berühmtesten Gedichte widmete – und den Prozess des Glockengießens in epische 19 Strophen zusammenfasste.

Das Verfahren ist seit Jahrhunderten im Kern gleichgeblieben und doch hochmodern: Aus einem präzise geformten Lehmkern entsteht die „falsche Glocke“, die bereits das exakte Außenprofil und die Wachsornamente trägt. Darüber wird der Mantel aufgebaut, getrocknet, abgehoben; die falsche Glocke verschwindet, Mantel und Kern werden wieder geschlossen – der Hohlraum wartet auf die Bronze.

Nach dem Guss folgen Putzen, Entgraten, die Montage der Krone und die Feinstimmung. Dabei schleifen Spezialistinnen und Spezialisten innen Material ab, bis die Partialtöne – Prime, Terz, Quinte und weitere Obertöne – miteinander schwingen. Erst dann erhält die Glocke ihre unverwechselbare Stimme.

Sagenhaft

Glocken sind aber nicht nur Klangkörper. Sie sind soziale Skulpturen im besten Sinn, bündeln Erinnerungen und Rituale und haben auch in zahlreiche Sagen Eingang gefunden. In der oberschwäbischen Gemeinde Ilmensee erinnert zum Beispiel heute eine Skulptur von Kunstschied Peter Klink an die Ilmensee’r Glocke. Als die Schweden den Ort im 30-jährigen Krieg eingenommen hatten, holten die Bewohner angeblich ihre Glocke vom Turm und versenkten sie im See. Als sie sie nach dem Abzug der Schweden wieder bergen wollten, fanden sie sie nicht mehr. Nicht nur die Fasnetsfigur vom „Wasserspucker“ erinnert bis heute daran, dass der kluge Plan ins Wasser fiel, sondern auch der „Seeteufel“, der bis heute die Glocke im See hütet. In Vollmondnächten kann man angeblich um Mitternacht ein dumpfes Läuten hören, dann schlägt der Seeteufel die Glocke.

Und in Weingarten ranken sich Geschichten um die große „Hosanna“-Glocke. Von der sagte man, sie sei so schwer, dass drei Männer zugleich am Seil ziehen müssten, um sie zum Läuten zu bringen. Einst wollten listige Besucher aus St. Gallen das klangvolle Stück stehlen. Nachts spannten sie Ochsen vor, doch auch die schafften es nicht, das schwere Ding weit zu ziehen - der Wagen kam unweit der Stadt zum Stehen. Die Diebe mussten also einsehen: Diese Glocke „gehört“ dem Ort – das ist bis heute so geblieben.

Alltäglich wichtig

Gleichzeitig sind Glocken nicht nur Gegenstand von Märchen und Sagen, sondern ganz normaler Teil unseres Alltags. Läuteordnungen unterscheiden zwischen liturgischem Läuten und Uhrschlag; Kirchengemeinden achten auf Pflege und Wartung und Glockenweihen sind nach wie vor nicht alltäglich und werden entsprechend zelebriert. Das Bewahren, Erklären und erlebbar Machen ist deshalb eine wichtige Aufgabe. Auch im Zeitalter von Digitaluhren und Handys sind Glocken aus dem täglichen Leben nicht wegzudenken und sorgen mit ihrem verlässlichen Läuten für eine Konstante im hektischen Leben. Glocken verbinden Wärme und Metall, Präzision und Gefühl, Jahrhunderte und Gegenwart. Sie sind hörbare Heimat – und doch nie bloß Folklore. Jede einzelne ist ein Unikat. Und wenn im Advent über den Dächern der tiefe Schlag einer alten Glocke schwebt, entsteht ein Moment, der moderner nicht sein könnte: ein gemeinsam geteilter Klang im öffentlichen Raum. Deshalb lohnt es sich manchmal, den Ohren nachzugehen. Baden-Württemberg klingt. Wer hinhört, hört mehr.

von jr
20.11.2025
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