
Ruß im Gesicht und Schmalzgebäck in der Hand: Der Rußige Freitag gehört zu den kleinen skurrilen Schätzen der schwäbisch-alemannischen Fastnachtstradition. Zwischen dem ausgelassenen "Schmotzigen Donnerstag" und dem bunten Fasnachtssamstag – dem „Schmalzigen Samstag“ - fristet dieser Tag ein ungewöhnliches Dasein. In manchen Gemeinden herrscht dann Verschnaufspause – anderswo tobt das närrische Leben mit schwärzenden Scherzen, feurigen Bräuchen und deftigen Schmankerln. Wir begeben uns auf Entdeckungsreise durch Baar, Schwarzwald, Hochrhein und Oberschwaben und erkunden, was es mit dem „rußigen“ Treiben auf sich hat.
Schon der Name verrät es: Beim Rußigen Freitag spielt Ofenruß eine zentrale Rolle. Warum – dafür gibt es verschiedene Erklärungen, vielleicht, weil am Tag davor, dem „Schmutzigen“ oder „Schmotzigen“ Donnerstag noch ordentlich fettig gebacken und gekocht wurde und die Öfen dementsprechend zu tun hatten. Historisch treffen hier vermutlich sogar zwei Bräuche aufeinander. Zum einen bestand in der Woche vor dem Aschermittwoch zum allerletzten Mal Gelegenheit vor der Fastenzeit, Fettiges zu verarbeiten und zu konsumieren – danach sollten Fett, Eier und Schmalz streng gemieden werden.
Zum anderen liebten die Leute auch an diesem närrischen Tag derbe Späßchen: Ruß aus dem Ofen wurde auf der Gass’ den Passanten als „Maske“ ins Gesicht geschmiert. So verwandelte man arglose Mitmenschen im Handumdrehen in schwarzmaskierte „Leidensgenossen“. Masken aus Holz oder Stoff waren an jenem Tag nämlich offiziell verboten. Eine päpstliche Verordnung aus dem Jahr 1748 von Papst Benedikt XIV. untersagte in Süddeutschland jede Maskerade am Freitag – schließlich wurde an einem solchen Jesus ans Kreuz geschlagen, also kein Grund zu Scherzen! Doch die findigen Narren umgingen das Verbot einfach: Statt Masken aus Holz trug man an diesem Tag eben einen Rußanstrich, quasi als natürliche Verkleidung. Not macht erfinderisch, und so gewann der Spaß die Oberhand über das Verbot. Und die Narren fanden immer Wege, ihrer Freude auch am Freitag Ausdruck zu verleihen – sei es mit kleinen Späßen, Kinderumzügen oder abendlichen Treffen in der Wirtschaft. „G’rußt und g’schmalzt“ geht es eben doch hoch her.
Die beiden Stränge – Schmalzgebäck und Rußschwärze – verschmolzen mit der Zeit zum Brauch: Die Legende will, dass die durch die Dörfer laufenden Narren für ihr rußiges „Geschenk“ sogar belohnt wurden: Wer schwarz angemalt wurde, revanchierte sich mit frisch gebackenen Fasnetsküchle oder Krapfen. So hatte am Ende jeder etwas davon: schwarze Nasen und volle Bäuche.
Im Dialekt Südwürttembergs und im benachbarten Vorarlberg in Österreich heißt der Tag „Bromiger Freitag“, was – anders als man vermuten könnte – nichts mit Brombeeren zu tun hat, oder gar mit Chemikalien. „Brom“ oder „Beram“ (vom mittelhochdeutschen râm) bedeutet in alten Quellen schlicht auch Ruß. Dennoch hielt sich regional auch der Brauch, statt Ofenruß zum Namen passend lieber Brombeermarmelade ins Gesicht zu schmieren – eine süßere Variante. So wurde mancherorts aus dem rußigen ein „bromiger“ Freitag mit beerig verschmierten Gesichtern.
In der Bodenseeregion – etwa im bayrischen Lindau – prägen historische Narrenfiguren den Abend des Rußigen Freitags: Die „Kornköffler“ tanzen ihren traditionellen Köfflerjuck und die „Pflasterbuzen“ führen am Alten Rathaus unter einem Galgen den feurigen Buzentanz auf, eine alte Tradition der Erntetänze, bei dem auch bengalische Lichter nicht fehlen dürfen.
In Wangen im Allgäu strömt am „Bromigen Freitig“ der legendäre „Wangemer Wein“ aus der Pumpe auf dem Marktplatz. Weil das Allgäu nun kein ausgesprochenes Weinanbaugebiet ist, ist der Wein hier aber kein süßes Traubentröpfchen, sondern kräftig-herber heißer Most von heimischen Obstwiesen. Diesen würzigen Trunk spendiert die Stadtverwaltung jedes Jahr aus der Golge (so nennen die Allgäuer den Pumpbrunnen), um die Narren und ihre Gäste bei meist winterlicher Kälte von innen zu wärmen.
Rund um den Markt entsteht ein kleiner Fasnetsmarkt, an dem es von Schellenhüten bis Zuckerwatte alles Närrische zu kaufen gibt. Die Narrenzunft führt den traditionellen Schellentanz vor, Schalmeienkapellen und Guggenmusiken lassen es schräg und laut ertönen. Wenn die Wangemer Gugelnarren ihre frechen Sprüchle aufsagen, johlt das Publikum – hier wird Fastnacht zum Volksfest en Miniature. Alle zwei Jahre gipfelt der Tag abends sogar in einer Open-Air-Bühnenfasnet auf dem Marktplatz, wo befreundete Narrenzünfte und lokale Vereine ihre besten Nummern präsentieren. Spätestens dann liegt der Duft von Glühmost und Schupfnudeln in der Luft. „Ane – Ane, ischt dia Wangemer Fasnet schä!“, schallt der lokale Narrenruf über den Platz.
Nicht überall geht es so ausgelassen zu, denn im Rußigen Freitag steckt immer auch ein Stück regionaler Identität. Auf der Baar – der Hochebene zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb – sowie in vielen Schwarzwaldtälern war der Freitag lange ein stiller Fasnachtstag. In alteingesessenen, katholisch geprägten Fastnachts-Hochburgen wie Villingen oder Rottweil legte man am „rußigen Fritig“ eine Art Brauchtumspause nach dem wilden Treiben am „Schmotzigen“ ein. Hier gehört die große Bühne den Narrensprüngen am Montag und Dienstag, während der Freitag eher für interne Vorbereitungen oder kleinere Jugendveranstaltungen genutzt wird. Doch selbst dort schlief die Tradition nicht völlig: Kinder zogen in Gruppen lärmend durchs Dorf und schwärzten sich gegenseitig die Gesichter mit Ruß – ein Brauch, an den man sich z.B. im Hegau und am westlichen Bodensee noch erinnert.
Ganz anders wiederum am Hochrhein: In den Städten und Dörfern entlang des Rheins, etwa rund um Waldshut-Tiengen, ist die Fasnacht tief verwurzelt. Zwar finden die Hauptumzüge auch hier erst am Wochenende und Rosenmontag statt, doch der Freitag wird keineswegs ignoriert. Oft stehen an diesem Tag Schulkinder und Senioren im Mittelpunkt – die Narrenzünfte besuchen Altenheime und Behinderteneinrichtungen in voller Montur oder veranstalten vormittags in Schulen eine kleine Kinderfasnet, damit auch die jüngsten Narren auf ihre Kosten kommen.
Unterhaltsam, traditionsnah und regional verwurzelt präsentiert sich dieser besondere Tag als echter Geheimtipp für Fasnetsfreunde. Wer die schwäbisch-alemannische Fasnacht in all ihren Facetten erleben will, sollte dem rußigen Treiben ruhig einmal einen Besuch abstatten, bevor am Aschermittwoch der Ruß abgewaschen werden muss – denn „s’het solang’s het!“, und bis dahin gilt: Narri – Narro!


