
Für viele im Südwesten ist der Schmutzige Donnerstag – je nach Ort auch „Schmotziger“, „Schmutziger Dunnschdig“ oder schlicht „Weiberfasnet“ – kein gewöhnlicher Tag, sondern der Auftakt zu den wildesten Stunden der Fasnet. Er ist der Tag, an dem die Ordnung (freiwillig) wackelt, markiert das Ende der närrischen „Vorsaison“ und den Start in die heiße Phase. Kurz nach Sonnenaufgang kippt im Südwesten etwas im Takt der Narrenschellen, in den Rathäusern landauf, landab werden Bürgermeister symbolisch entmachtet, Frauen ziehen als verschworene Truppen durch Straßen, in Werkhallen hängt plötzlich Girlanden-Konfetti, und selbst die nüchterne schwäbische Uhr tickt ein wenig schneller. Kapellen spielen, als gäbe es kein Morgen – und tatsächlich endet das wilde Treiben erst am Aschermittwoch. Der Tag markiert den dramaturgischen Wendepunkt der Fasnet. In vielen Gemeinden ist dieser Tag kein folkloristisches Beiwerk, sondern identitätsstiftender Höhepunkt. Selbst wer sonst wenig mit Brauchtum am Hut hat, bestaunt die Holzmasken, fühlt den Rhythmus der Trommeln oder holt sich – in sicherer Entfernung von der Schere – einen Berliner ab.
Das Wort hat, anders als man vermuten könnte, erst einmal nichts mit Dreck zu tun, obwohl die Straßen danach mancherorts sicherlich eine Extra-Kehrwoche benötigen. Der Hintergrund ist sprachhistorisch. Schmutzig oder schmotzig bedeutet in den schwäbisch-alemannischen Dialekten nämlich „fettig“, der "Schmotz" oder "Schmutz" ist das Fett oder Schmalz. Und mit dem "Schmotzigen Donnerstag" (auch "Schmotziger Dunschtich" oder "Schmotziga Dorschdich") beginnt in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht die eigentliche Fastnachtszeit. Diese steht bekanntlich, wie der Name sagt, vor der Fastenzeit: Und deshalb wurde in diesen Tagen noch einmal gebacken, gebraten und frittiert, was das Zeug hielt. In der Zeit vom "Schmotzige" bis zum Aschermittwoch entstanden Krapfen, Fasnetsküchle und Scherben in rauhen Mengen, und wer sich heute durch die Bäckereien Baden-Württembergs probiert, spürt exakt dieses Erbe.
Der Donnerstag vor Aschermittwoch war somit auch der letzte Schlachttag vor Ostern und bot vor dem kirchlich verordneten Fleischverzicht nochmals die Gelegenheit, ausgiebig zu schlemmen. Zumal sich die Fleischprodukte zu früherer Zeit nur beschränkt über die insgesamt 40 langen Fastentage konservieren ließen. So aber war das Schlachtfett von Schweinen und Gänsen am schmotzigen Donnerstag reichlich vorhanden und da dieser Wochentag außerdem auch gebräuchlicher Backtag war, wurden die in Fett ausgebackenen „Fastnachtsküchle“, Krapfen und Eierpfannkuchen schon im Hochmittelalter zum beliebten Festgebäck der tollen Tage, aber auch Berliner und Dampfnudeln sind bis heute beliebt.
Gerade im südlichen Landesteil – von Schwarzwald über Baar bis Oberschwaben – wird der Schmotzige Dunnschdig gelebt wie kaum anderswo. Narrenzünfte übernehmen Rathäuser, Hexen fegen Plätze frei, und Kapellen ziehen durch Gassen, die sonst höchstens sonntags vom Glockengeläut beschallt werden. In Orten wie Rottweil, Elzach, Villingen, Überlingen oder Bad Waldsee gehören kunstvolle Holzmasken und jahrhundertealte Häs oder Kleidle zum lebendigen Kulturerbe.
Ein zentrales Motiv: die „Weiberfasnet“. Historisch hatten Frauen an diesem Tag besondere Freiheiten, weshalb für den Schmutzigen Donnerstag auch das Synonym der Weiberfasnacht steht. Tanzvergnügen, Ausgelassenheit und die Möglichkeit, die lokale Macht symbolisch auf den Kopf zu stellen - im Mittelalter war das, was heute zum Glück ganz normal ist, eine Ausnahme. Und noch heute ziehen in hunderten Gemeinden verschworene Frauentruppen los, schneiden Krawatten ab, erobern Rathäuser und setzen Bürgermeister in Arrest – oder zumindest auf einen dekorierten Stuhl. Das Ritual ist mehr als Clownerie: Es spielt mit der Frage, wer hier eigentlich Herr(in) der Lage ist, und warum es gut tut, einmal im Jahr die Rollen zu tauschen. Die Frage, ob man immer am schmutzigen Donnerstag alle Krawattenträgern attackieren darf, muss derweil eher mit "lieber" nicht beantwortet werden– außer die Herren wissen davon und tragen eine extra Krawatte, was viele auch tun! Es kann nämlich – vor allem am Arbeitsplatz - zu rechtlichen Konsequenzen führen...!
Der Schmotzige Dunnschdig wirkt erstaunlich zeitgenössisch, obwohl sein Brauchtum alt ist. Vielleicht, weil er nicht erklärt werden muss, um zu funktionieren. Kinder spüren das Spektakel, Erwachsene die Narrative, ältere Menschen die Kontinuität. Touristen staunen, aber nicht distanziert – sondern oft ergriffen. Viele Gemeinden haben heute ihr Programm erweitert: Familienumzüge am Nachmittag, Hexentänze, Rathausbühnen, Kneipenfasnet, Ballveranstaltungen, Teenie-Diskos, Fotopoints und Maskenworkshops. Ein Brauch, der offen bleibt, überlebt.
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