Wenn in Radolfzell am westlichen Bodensee im Juli die Münsterglocken klingen, Musik durch die Gassen weht und sich die Menschen am Seeufer sammeln, dann ist das nicht einfach nur ein Festwochenende. Vielmehr feiert die Stadt ihre „Hausherren“ – und damit ein Stück ihrer eigenen Geschichte und Identität.
Das Hausherrenfest gehört zu Radolfzell wie der Blick auf den Untersee, die Altstadtgassen und das Münster Unserer Lieben Frau. 2026 wird es vom 17. bis zum 20. Juli gefeiert. Wer zum ersten Mal kommt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Programm, Bewirtung und ein paar schöne Stunden am Wasser. Hier erzählt eine Stadt von sich selbst – von Glaube, Geschichte und Gemeinschaft.
Mit den „Hausherren“ sind in Radolfzell die drei Stadtpatrone Theopont, Senesius und Zeno gemeint. Ihre Namen klingen für heutige Ohren vielleicht ein wenig fern, fast wie aus einer anderen Welt. Genau darin liegt aber der Reiz des Festes: Es schlägt eine Brücke zwischen sehr alter, christlich geprägter Überlieferung und einem lebendigen Stadterlebnis. Historisch ist das Hausherrenfest also eng mit der Verehrung der drei Stadtpatrone und dem religiösen Leben der Stadt verbunden. Heute tragen auch Bürgerschaft, Vereine, Musikgruppen und das Kulturbüro dazu bei, dass daraus ein großes Stadtfest am See wird, bei dem sich das Kirchliche und das Weltliche nicht ausschließen, sondern nebeneinanderstehen: feierliche Rituale, Prozessionen und das Hausherrenamt, dazu Musik, Vereine, Begegnungen, Essen, Trinken, Flanieren – und alles vor der besonderen Seekulisse.
Für Außenstehende wirken Begriffe wie „Prozession“, „Hausherrenamt“ oder „Stadtpatrone“ vielleicht zunächst etwas sperrig. Gemeint ist aber etwas sehr Einfaches: Radolfzell schaut auf seine Wurzeln und macht daraus ein Fest, das heute viel mehr ist als ein kirchlicher Termin. Es ist ein Treffpunkt für Bürgerinnen und Bürger, Vereine, Familien, Gäste und alle, die spüren wollen, wie Tradition am Bodensee klingt, riecht und aussieht. Hier wird Brauchtum nicht erklärt, sondern sichtbar. Menschen bleiben stehen, schauen zu, erinnern sich. Manche kennen jeden Ablauf seit Kindertagen. Andere erleben zum ersten Mal, dass Stadtgeschichte nicht nur im Museum zuhause ist, sondern mitten durch die Straßen ziehen kann.
Offiziell eröffnet wird das Hausherrenfest mit Böllerschüssen und Glockengeläut am Samstagabend. Dem schließt sich ein Galakonzert auf dem Marktplatz an. Am Sonntagabend findet der Festabend mit Illumination des Bodensees, Gondelkorso und Segeldefilee statt. Zum sichtbaren Mittelpunkt gehört die Prozession: Am Hausherrensonntag werden die Reliquien der drei Hausherren durch die Radolfzeller Innenstadt getragen. Hier zeigt sich, dass das Fest nicht nur unterhält, sondern aus einer religiösen Tradition heraus entstanden ist.
Besonders poetisch wird das Hausherrenfest am Montagmorgen. Dann kommen bei der Mooser Wasserprozession blumengeschmückte Boote über den See nach Radolfzell - ein Bild, das man nicht groß erklären muss, das aber alle beeindruckt, die es schon einmal gesehen haben. Anschließend findet das Mooser Hausherrenamt im Münster "Unserer Lieben Frau" statt.
Die Mooser Wasserprozession hat ihren Ursprung in einer Notlage: 1796 riefen Bauern aus der benachbarten Gemeinde Moos während einer Viehseuche die Radolfzeller Hausherren um Hilfe an. Nachdem sie verschont blieben, gelobten sie, von nun an jährlich nach Radolfzell zu pilgern. Anfangs führte der Weg zu Fuß um den See, seit 1926 kommen die Pilger mit Booten über das Wasser – geschmückt mit Blumenkränzen und erwartet von vielen Menschen an der Mole.
Auch sonst liegt der Reiz des Festes in der besonderen Radolfzeller Mischung. Die Altstadt ist nah, das Seeufer nur wenige Schritte entfernt. Wer durch die Stadt bummelt, kann zwischen Münster, Gassen, Mole und Promenade wechseln, ohne lange Wege planen zu müssen. Das macht den Besuch angenehm: Man kann eintauchen, weiterziehen, verweilen, wiederkommen.
Das Hausherrenfest ist kein Fest nur für Eingeweihte. Gerade wer Radolfzell und seine Geschichte noch nicht gut kennt, bekommt hier einen sehr direkten Zugang zur Stadt. Familien finden viele Eindrücke, ohne dass der Tag kompliziert organisiert werden muss. Kulturinteressierte erleben, wie religiöses Brauchtum und städtische Identität ineinandergreifen. Und wer einfach einen schönen Sommertag am Bodensee verbringen möchte, bekommt Atmosphäre gratis dazu.
Am schönsten ist das Fest wahrscheinlich dann, wenn man nicht nur von Programmpunkt zu Programmpunkt hetzt. Besser: früher ankommen, durch die Altstadt schlendern, den See mitnehmen, die Stimmung wirken lassen, zwischendurch sitzen bleiben und beobachten. Denn gerade in den kleinen Szenen steckt der Charme: alte Bekannte, die sich treffen; Kinder, die noch mehr von Trubel als von Tradition verstehen; Vereinsstände, an denen der Ort sich selbst bewirtet; und diese sommerlich-feierliche Grundstimmung, die über allem liegt.
Radolfzell ist gut mit der Bahn erreichbar; der Bahnhof liegt günstig zwischen Innenstadt und See. Wer mit dem Auto anreist, sollte rund um Festzeiten mehr Zeit einplanen, weil Veranstaltungsflächen, Umzüge und viele Besucherinnen und Besucher den Verkehr spürbar verändern können. Für den besten ersten Eindruck lohnt es sich, nicht erst zur vollsten Zeit anzukommen. Bequeme Schuhe sind sinnvoll, wetterfeste Kleidung ebenfalls – auch im Juli kann man bei Programmpunkten im Freien länger stehen, als man vorher denkt. Wer mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Rollator unterwegs ist, sollte vorab die aktuellen Hinweise der Veranstaltenden prüfen, vor allem zu Wegen, Sperrungen, barrierearmen Bereichen und Sicherheitsregeln.
Das Hausherrenfest zeigt, wie lebendig Tradition sein kann, wenn sie nicht nur bewahrt, sondern jedes Jahr neu gefeiert wird. Es ist religiös verwurzelt, bürgerschaftlich getragen und längst auch ein sommerlicher Treffpunkt für Gäste aus der Region. Vielleicht ist genau das sein Geheimnis: Es lässt die Stadt einfach auftreten – mit Glockenklang, Musik, Seeluft, Prozession, Blumenschmuck und vielen Menschen, die für ein Wochenende zeigen, dass Heimat nicht nur ein Ort ist. Sondern etwas, das man gemeinsam tut.
Übrigens: 2026 feiert Radolfszell sein großes Jubiläum, ein besonderes Jahr, was das Fest noch umfangreicher gestalten wird.
Geöffnet ist das Hausherrenfest am Sonntag von 11.45 bis 1.00 Uhr und am Montag von 8.00 bis 0.00 Uhr
Aktuelle Infos zum Hausherrenfest gibt es auf der Website der Stadt Radolfzell.


