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Brauchtum & Historisches

Wenn Balken erzählen: Der Deutsche Fachwerktag in BW

Fachwerk ist mehr als schöne Kulisse. Zum Deutschen Fachwerktag am 31. Mai zeigen Städte in Baden-Württemberg, was hinter Balken und Streben steckt.
Foto: jr/NM

Gefache – das ist ein spezielles Wort, irgendwie sperrig und knorzig – genauso wie die Balken, die es definieren. Im Bau-Fachjargon (ja, Fachsprache passt hier ja irgendwie) bezeichnet es den abgetrennten Raum zwischen tragenden Bauelementen, genauer: den Freiraum zwischen den Balken eines Fachwerkhauses. Womit wir beim Thema sind: Denn im Ländle sieht man diese historische Bauweise noch besonders oft.

Fachwerk hat in Baden-Württemberg viele Gesichter und eine lange Tradition. Mal steht es stolz am Marktplatz, geschmückt mit steilem Giebel, kunstvoll geschnitzten Balken und bunten Fensterläden. Mal duckt es sich dezent in schmalen Altstadtgassen, lehnt sich scheinbar ein wenig zur Seite und hält doch seit Jahrhunderten stand. Und manchmal erkennt man es erst auf den zweiten Blick: hinter Putz, unter einem Dach, in einer alten Konstruktion, die mehr über Handwerk, Alltag und Stadtgeschichte verrät, als manche Jahreszahl am Rathaus.

Das prächtige Palm'sche Haus am Mosbacher Marktplatz zählt zu den besterhaltensten Fachwerkbauten in Deutschland. Es wurde 1610 erbaut.Foto: sake/NM-Archiv

Ein Tag zum Bauschutz

Am 31. Mai 2026 steht diese Baukunst wieder bundesweit im Mittelpunkt: Dann findet der 12. Deutsche Fachwerktag statt. Der Aktionstag wird von der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte und der Deutschen Fachwerkstraße getragen und soll die alte Baukunstform stärker ins Bewusstsein von Bürgern und Gästen rücken. Der Hintergrund ist durchaus ernst: In den Mitgliedsstädten der Arbeitsgemeinschaft gibt es nach deren Angaben rund 100.000 Fachwerkhäuser – doch jedes ist ein Kulturgut, das nicht nur malerisch aussieht, sondern auch erhalten, saniert und in die Gegenwart geführt werden muss, um zukünftigen Generationen erhalten zu bleiben.

Holz, Lehm, Stein – und viel Geschichte

Fachwerk ist im Grunde eine ziemlich clevere Konstruktion. Ein tragendes Holzgerüst aus dicken Balken bildet das Skelett des Hauses, die Zwischenräume – die eingangs erwähnten Gefache – wurden traditionell mit Materialien wie Lehm, Flechtwerk, Ziegel oder Bruchstein gefüllt. Was heute romantisch wirkt, war lange vor allem praktisch: Holz war verfügbar, die Bauweise flexibel, vergleichsweise schnell und reparierbar.

Handwerkskunst: Wie man Fachwerk repariert

Quelle: Youtube

Individuelle Formen

Gerade deshalb erzählen Fachwerkhäuser so viel vom Leben früherer Generationen. Von Handwerkern, Händlern, von Ackerbauern, Wirten oder den Zimmerleuten, die sie bauten. An den Fassaden lassen sich früherer Wohlstand, Mode und regionale Eigenheiten ablesen: Andreaskreuze, Rauten, geschwungene Streben, Feuerböcke, Schmuckformen und Figuren wie der „Wilde Mann“ waren nicht nur Zierde, sondern auch Ausdruck von Können, Schutzsymbolik und Selbstbewusstsein.

Vielfalt macht's: Fachwerkland Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg treffen dabei unterschiedliche Fachwerktraditionen aufeinander. Schwäbische, fränkische und alemannische Einflüsse prägen die Stadtbilder. Im Norden und entlang des Neckars wirken manche Bauten anders als im Schwarzwald oder in Oberschwaben. Genau diese Vielfalt macht das Ländle zu einem besonders reizvollen Fachwerkland. Wer hier Fachwerk entdecken will, muss nicht lange suchen. Die süddeutsche Regionalstrecke der Deutschen Fachwerkstraße führt von Eberbach im Neckartal durch den Schwarzwald bis nach Meersburg am Bodensee. Und sie bündelt eine ganze Reihe historischer Orte, in denen Fachwerk das Stadtbild prägt.

Calw etwa gilt als eine der großen Fachwerkadressen im Nordschwarzwald. Mehr als 200 denkmalgeschützte Fachwerkhäuser des späten 17. Jahrhunderts säumen dort verwinkelte Gassen und Plätze. Die Stadt wurde nach Bränden immer wieder auf alten Grundmauern aufgebaut – und bewahrt bis heute einen besonderen Altstadtcharme.

Der Biberacher Marktplatz ist ein Highlight der Deutschen Fachwerkstraße.Foto: Fouad Vollmer

Auch Besigheim, Bietigheim-Bissingen, Herrenberg, Schorndorf, Kirchheim unter Teck, Backnang, Pfullendorf, Mosbach oder Eberbach zeigen, wie unterschiedlich Fachwerk wirken kann: repräsentativ am Marktplatz, bürgerlich in der Gasse, handwerklich schlicht oder kunstvoll verziert.

Unterwegs auf der Deutschen Fachwerkstraße durch BW

Aktionen zum Deutschen Fachwerktag 2026

Zum Deutschen Fachwerktag öffnen viele Städte nicht einfach nur ihre Altstadt als schöne Kulisse. Sie erklären, was man sonst gern übersieht: Wie ist ein Fachwerkhaus aufgebaut? Welche Streben tragen wirklich? Was ist Schmuck, was Konstruktion? Und warum ist Sanierung oft ein Balanceakt zwischen Denkmalschutz, Klimaschutz und heutiger Nutzung?

In Bietigheim-Bissingen steht am 31. Mai eine Fachwerkführung auf dem Programm. Dabei geht es unter anderem um Streben, Rauten und sogenannte Flösseraugen; zugleich werden Architekturgeschichte, Wohnkultur und Fragen der Denkmalpflege angesprochen.

Besigheim lädt zu einer besonderen Stadtführung durch die historische Altstadt ein. Im Mittelpunkt stehen dort die jahrhundertealten Fachwerkhäuser, ihre Details und die Geschichten, die sich an ihnen ablesen lassen.

In Herrenberg führt ein zertifizierter Fachwerkgästeführer durch die Altstadt. Der Rundgang nimmt verschiedene Fachwerkarten, Konstruktionsweisen, Farben und Stilelemente in den Blick; die Führung ist nach aktuellem Stand kostenlos.

Besonders spannend wird es in Schorndorf: Dort öffnet am Deutschen Fachwerktag eine Baustelle ihre Türen. Die ehemalige Meierei, ein mittelalterliches Fachwerkgebäude, wird saniert und soll künftig die neue Stadtbibliothek beherbergen. Besucher erhalten bei Kurzführungen Einblicke in Geschichte, Bausubstanz und Sanierung – also genau in die Frage, wie altes Fachwerk neues Leben bekommt.

Kirchheim unter Teck setzt auf Perspektivwechsel. Dort führen Touren auf den Rathausturm – früh am Morgen, tagsüber und abends. Vom Turm aus geht der Blick über die Altstadt, anschließend durch die Gassen. So wird Fachwerk nicht nur von der Fassade her betrachtet, sondern als Teil eines gewachsenen Stadtbildes.

In Pfullendorf dreht sich eine Führung um den süddeutsch-alemannischen Baustil, den Unterschied zwischen konstruktivem Fachwerk und Sichtfachwerk sowie um Schmuckformen wie den „Wilden Mann“

Eberbach wiederum verbindet Fachwerk mit weiteren Baustoffgeschichten. Die Themenführung „Fachwerk, Ziegel, Sandstein“ nimmt freigelegte Fachwerkbauten, Buntsandstein-Unterbauten und die Geschichte der örtlichen Ziegelherstellung in den Blick. In der Eberbacher Altstadt gibt es über 50 freigelegte Fachwerkbauten.

Hier gibt es das gesamte Programm

Klein und pittoresk: Das Gorjupinsche Haus in Bad Wimpfen mit fränkischem Fachwerk von 1600 zählt zu den besonders sehenswerten Fachwerkhäusern in der Stauferstadt.Foto: jr/NM

Mehr als ein Fototermin

Der Deutsche Fachwerktag ist damit nicht nur ein Anlass für hübsche Altstadtbilder. Er erinnert daran, dass Fachwerk ein lebendiges Erbe ist. Häuser müssen gepflegt, saniert, bewohnt und genutzt werden. Sie brauchen Handwerkerwissen, Eigentümer mit Geduld, Kommunen mit Konzepten und Besucher, die genauer hinschauen. Denn Fachwerk ist kein Museumsdekor, sondern Stadt- und Baugeschichte aus Holz und Stein. Es steht für regionale Identität, für gewachsene Ortskerne und für ein Bauprinzip, das über Jahrhunderte funktioniert hat. Gerade in Zeiten, in denen über nachhaltiges Bauen, Ressourcenschonung und den Umgang mit historischen Innenstädten diskutiert wird, lohnt sich der Blick auf diese alten Häuser neu.

Am Deutschen Fachwerktag wird daraus ein Ausflugsthema: durch Gassen schlendern, Fassaden lesen, Balken verstehen – und merken, dass manche Häuser nicht einfach alt sind. Sie haben nur schon sehr lange etwas zu erzählen.

von Redaktion NUSSBAUMjr
18.05.2026
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