
Hier ist den Närrinnen und Narren die Fasnetswoche heilig, aber auch die Zeit davor. Ein Einblick in uralte Traditionen.
Schaut da eine Hexe hinter dem Gebäude hervor? War das ein Teufel in der Gasse nebenan? Die Vernunft sagt: Das kann nicht sein! Ein Weil der Städter würde sagen: Aber klar doch, immerhin ist Fasnet! Wenige Wochen im Jahr sind derartige „Schauergestalten“ in der Keplerstadt gern gesehene Gäste. Aber keine Sorge: Hinter den Masken und unter den Häs verbergen sich nette Menschen, engagierte Bürger und fröhliche Gesellen.
Seit dem 6. Januar sind die Masken abgestaubt und die Hästräger damit wieder „in freier Wildbahn“ unterwegs. Die fünfte Jahreszeit, die Fasnet, hat begonnen. Weil der Stadt ist eine der Kommunen, in der dieses Brauchtum noch mit Begeisterung am Leben gehalten wird. Fasnet ist aber nicht gleich Fasnet: In verschiedenen Regionen wird die fünfte Jahreszeit unterschiedlich gefeiert. In Weil der Stadt gehen die Bräuche auf eine jahrhundertelange Tradition zurück. Was hier alljährlich zu Beginn des Jahres stattfindet, ist die schwäbisch-alemannische Fasnet.
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Offiziell beginnt die am Dreikönigstag, also am 6. Januar. Dann werden die Masken abgestaubt und die neuen Hästräger im Rahmen einer Taufe in den Reihen der Narren aufgenommen. Erst ab diesem Tag setzt ein echter Hästräger seine Maske auf. Zuvor ist das absolut verpönt.
Einen „kleinen“ Auftakt gibt es aber bereits im November, und zwar zum Beginn der Fastenzeit vor Weihnachten am 11.11. um 11.11 Uhr mit der jungen Fasnet in Form eines kleinen Umzugs vom Spital zum Marktplatz. Ab dann ist Fasnet, so richtig los geht es aber, wie gesagt, erst mit dem Dreikönigstag. Bis Aschermittwoch ist der Narrenfahrplan dann vollgepackt mit Umzügen, Festen und jeder Menge Brauchtum.
Die Fasnet ist in der Keplerstadt derart prägend, besonders und identitätsstiftend, dass sie 2014 in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Die ersten Zeugnisse der Weil der Städter Fasnet reichen fast bis ins Mittelalter. Die ausufernde Feier vor der nahen Fastenzeit wurde teilweise übertrieben, was durch Verbote und Strafen aus dieser Zeit dokumentiert wird.
Die organisierte Fasnet, wie sie heute gefeiert wird, kam in Weil der Stadt erst während der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf. Die Chronik berichtet von Maskenbällen der Vereine und von Schauspielen rund um das Kepler-Denkmal auf dem Marktplatz. In dieser Zeit trat auch die Zigeunergruppe das erste Mal in Erscheinung. In den Kriegswirren verebbte der Mummenschanz meist, weil man andere Sorgen hatte.
Erst die Gründung der Narrenzunft Weil der Stadt brachte Kontinuität ins närrische Treiben. So entstanden zunächst 1957 die Weiler Hexen mit ihren grausligen Gesichtern. Heute besteht die Narrenzunft aus den Maskengruppen Bären, Hexen, Schellenteufel, Schelme, Schlehengeister und Steckentäler, dazu kommen das AHA-Ballett, Clowns, Narrenkapelle, Siebenerrat, Spicklingsweiber und die erwähnten Zigeuner. Alle Gruppen hören auf den Schlachtruf der Zunft: Drei kräftige „AHA, AHA, AHA!“
Zu den Besonderheiten in Weil der Stadt gehört das Abhalten einer Narrenmesse in der katholischen Stadtkirche. Die gesamte Zunft versammelt sich hierbei auf den Kirchenbänken. Darauf folgt der Zunftball, bei dem die Gruppen eine atemberaubende Show aufführen, jedes Jahr unter anderem Motto.
Am Sonntag vor dem „Schmotzigen“ beginnt die absolute Herrschaft der Narren in Weil der Stadt. Beim Narrensprung ziehen sie los zum Rathaus, wo sie die Türen mit einem Rammbock öffnen, den Bürgermeister gefangen setzen, ihm die Anklage verlesen und schließlich die Macht über Rathaus und Stadt entreißen. Die Hästräger nehmen symbolisch den Schlüssel zur Stadt an sich. Selbst der Gemeinderat tagt fortan unter „ihrer Regie“, wie sich bei der Narreten Gemeinderatssitzung am „Schmotzigen“ zeigt.
Nun folgen die Hochtage der Fasnet, die am Aschermittwoch mit der Verbrennung der Fasnet, pünktlich um Mitternacht, enden. Stoff und Lumpen hängen dann überall in der Stadt und bei einem großen Umzug mit traditionellen Zünften der Region, aufwändig gestalteten Wagen sowie umwerfenden Shows wird das närrische Treiben zum Publikumsmagnet für Tausende. Hier zeigt sich, dass nicht nur die Hästräger Feuer und Flamme für die fünfte Jahreszeit sind. Der Geist des Mottos der Zunft wird an diesen Tagen besonders elektrisierend spürbar: „Fasnet lebt, der sie in sich trägt!“
24.01. 20 Uhr Zunftball in der Stadthalle
07.02. 19 Uhr Hexenball in der Stadthalle
08.02. 14 Uhr Narrensprung am Marktplatz
12.02. 19 Uhr Schmotz’ger mit Narreter Sitzung im Rathaus
15.02. 14 Uhr Großer traditioneller Fasnetsumzug
17.02. 14 Uhr Kinderumzug und 15 Uhr Käpseles-Ball in der Stadthalle für die Jüngsten
18.02. 0 Uhr Fasnetsverbrennung am Narrenbrunnen
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