
Schwetzingen gilt über seine Stadtgrenzen hinaus als Stadt, wo sich jede Menge Kunst findet und Künstler ein Netzwerk aufgebaut haben. Jeden Monat wird deshalb in der Schwetzinger Woche ein Kunstwerk präsentiert, das Ursprung in oder Bezug zu Schwetzingen hat. In dieser Woche spricht Kunsthistorikerin Dr. Barbara Gilsdorf über den Berliner Platz als Gesamtkunstwerk.
Schwetzinger Woche: Auf dem Berliner Platz befinden sich drei Generationen von Kunstwerken. Wie kommt das?
Barbara Gilsdorf: Die drei Objekte verbindet eine Zeitspanne von 6 Jahrzehnten. Bis 2020 war lediglich der „Berliner Meilenstein“ am Berliner Platz gestanden. „WIR91“ stand in der Innenstadt, an der Ecke Dreikönigstraße / Mannheimerstraße. An dieser Stelle war das Kunstwerk eher „unmotiviert“ platziert und wurde nur wenig beachtet.
Mein Ansinnen, das Objekt anlässlich des 30jährigen Jubiläums der Wiedervereinigung 2020 auf den Berliner Platz versetzen zu lassen, sollte dieses ebenso interessante wie vorausschauende Kunstwerk aus seinem Schattendasein bringen. Im Laufe dieses Prozesses wurde es dann schnell „unausweichlich“ ein Objekt aufzustellen, das die aktuelle Sicht der Wiedervereinigung widerspiegelt. In Relation zum Titel des Platzes treten so der „Berliner Meilenstein“, „Wir91“ und Motivbank „Wir20“ in einen stummen Dialog.
SW: Wie entstand in den 50er Jahren der Berlin-Meilenstein?
Gilsdorf: Schwetzingen folgte dem Aufruf des Berlin-Beauftragten der Bundesregierung, Gerd Bucerius, zur Aufstellung von Meilensteinen an den deutschen Autobahnen alle 100 Kilometer. Diese tragen eine Umrisszeichnung des Berliner Bären, der von der bekannten Bildhauerin Renée Sintenis 1957 gestaltet wurde, begleitet von der jeweiligen Distanz in Kilometern zu Berlin, der Hauptstadt des damaligen dreigeteilten Deutschlands; genauer gesagt zum dortigen Dönhoffplatz, auf dem eine Kopie des Preußischen „Null-Meilensteins“ von 1730 steht. Auf dem Berliner Platz in Schwetzingen wurde 1962 ein solcher Meilenstein, mit Nennung der Distanz von 645 Kilometern, eingeweiht. Schwetzingen ist folglich Teil eines bundesweiten Netzwerks an Gedenksteinen, das mit der deutschen Wiedervereinigung und Wiederernennung Berlins zur Hauptstadt eine neue Dimension erfuhr.
SW: Welches Gefühl drückt das Kunstwerk Wir91 kurz nach der Wende aus?
Gilsdorf: „Wir91“ von Armin Forbrig war Teil der Schwetzinger Ausstellung „Im Wege stehend II“. Die Idee des Künstlers war, mit der Skulptur „die nach der staatlichen Einheit Deutschlands sich entwickelnden Probleme zum inneren und zwischenmenschlichen Zusammenwachsen sichtbar zu machen.“ Forbrig erkannte in dem Objekt „Wir91“ eine „Zustandsbeschreibung“, die die „deutsche Befindlichkeit“ seit der Wiedervereinigung veranschaulichen möge. Der Chemnitzer Bildhauer schuf aus einem ungeglätteten Marmorquader die Illusion eines einst gewaltsam geteilten Blocks, der mit dicken Tauen zusammengeführt und zu einer vermeintlichen Einheit verbunden wurde. Aus einem zeitlichen Abstand von 35 Jahren betrachtet, war die Einschätzung des Künstlers vorausschauend und hat sich bewahrheitet.
SW: Warum brauchte es eine „Neuauflage“ durch die Motivbank im Jahr 2020?
Gilsdorf: Der Anlass zu einer Neuauflage oder besser gesagt zu einer Zusammenführung und Erweiterung des Ensembles war der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung. Die Motivbank wurde am 3. Oktober 2020 als Symbol des Zusammenwachsens Deutschlands und die Rückernennung Berlins als Hauptstadt eingeweiht. Bei dieser Bank handelt es sich eigentlich um zwei Bänke, die durch die gemeinsame Rückenlehne zu einer Bank zusammengeführt wurden. Der Titel der Motivbank „Wir20“ wurde analog zu Armin Forbrigs Skulptur „Wir91“ gewählt.
SW: Inwieweit spielt Schwetzingen bei den Kunstwerken deutscher Geschichte eine Rolle?
Gilsdorf: Schwetzingen als geografische Örtlichkeit spielt eigentlich keine Rolle. Jedoch kann die Setzung von drei unterschiedlichen Objekten aus unterschiedlichen Zeiten im öffentlichen Raum als Zeichen dafür gewertet werden, dass das bundesweite Thema, das eben uns alle angeht, den Entscheidern hier in Schwetzingen wichtig war und ist. Brandaktuell: das Ensemble auf dem Berliner Platz fand in der Buchveröffentlichung „Orte des Erinnerns an die deutsche Einheit“ der Bundesstiftung der Aufarbeitung der SED-Diktatur Aufnahme (erschienen im Metropol Verlag). Im Vorfeld stand ich mit der Autorin, Lena Ens, in engem Austausch und ich muss sagen, als das druckfrische Exemplar auf meinen Schreibtisch lag, hat mich das mit Stolz auf unsere Kulturstadt Schwetzingen erfüllt.
Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands endete für viele Menschen ein drei Jahrzehnte währende Phase deutsch-deutscher Geschichte. Die Motivbank besiegelt den aktuellen Stand eines Prozesses, der noch nicht abgeschlossen ist. Nach wie vor bietet die Wiedervereinigung reichlich Stoff für unendlich viele Berichte und Diskussionen in den Medien, Gespräche in den Familien und mit Freunden, zu Dokumentationen, Spielfilmen, Romanen und Sachbüchern. Und wer weiß, ob in zehn Jahren ein weiteres Objekt auf den Berliner Platz stehen wird, welches die dann bestehende Sicht auf die Dinge versinnbildlicht.
Die Fragen stellte Dominik Ralser.