
Im Vorfeld der Landtagswahl 2026 sprach die Redaktion mit einigen Kandidaten, die für ein Direktmandat im Wahlkreis Bretten kandidieren. Ansgar Mayr von der CDU nahm sich die Zeit, der Redaktion einige Fragen zu beantworten.
Der in Stutensee wohnhafte 53-Jährige hat einen Bachelor-Abschluss als Diplom-Betriebswirt, war langjährig als Controller tätig und sitzt seit 2021 für die CDU im Landtag. In der Partei ist er seit 1988 Mitglied.
NUSSBAUM.de: Viele Menschen in Baden-Württemberg klagen über steigende Mieten und Baupreise. Zugleich gibt es einen massiven Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie hier vorgehen, um die Situation auf dem Wohnungsmarkt zu verbessern?
Ansgar Mayr: Ich bin regelmäßig im Austausch mit Architekten, Bauunternehmen und Projektentwicklern. Deshalb kenne ich die Probleme aus der Praxis: zu viele Vorschriften, zu lange Genehmigungen, hohe Kosten und kaum Planungssicherheit.
Steigende Mieten bekämpft man nicht mit Verboten, sondern mit mehr Angebot. Unterm Strich wird zu wenig und zu langsam gebaut – das ist der Kern des Problems.
Ich setze mich dafür ein, dass Bauen wieder einfacher, schneller und günstiger wird: weniger Auflagen, zügige Verfahren und mehr Bauland durch Nachverdichtung und neue Wohngebiete.
Gleichzeitig braucht es gezielte Förderung dort, wo der Markt allein nicht ausreicht – vor allem beim sozialen Wohnungsbau und für Familien mit normalem Einkommen. Fördermittel müssen in neue Wohnungen fließen, nicht in Bürokratie.
NUSSBAUM.de: Welche landespolitischen Entscheidungen halten Sie für realistisch, um Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen spürbar zu entlasten?
Mayr: Spürbare Entlastung für Familien entsteht dort, wo laufende Kosten anfallen und Alltag organisiert werden muss. Ein konkreter Hebel ist die frühkindliche Bildung. Ich setze mich dafür ein, das letzte Kita-Jahr beitragsfrei zu machen. Das entlastet Familien unmittelbar – Monat für Monat. Entscheidend ist dabei eine verlässliche Finanzierung gemeinsam mit Kommunen und Bund, damit Qualität nicht leidet und Gebühren nicht an anderer Stelle steigen.
Auch der Ganztag an Schulen muss Familien entlasten. Der Rechtsanspruch darf nicht zu organisatorischem Chaos führen. Gute Ganztagsangebote brauchen Qualität, Wahlfreiheit und verlässliche Betreuung. Schulleitungen müssen entlastet werden, Betreuungskräfte ordentlich qualifiziert, außerschulische Angebote sinnvoll eingebunden.
Besondere Aufmerksamkeit brauchen kinderreiche Familien. Sie tragen viel, werden aber oft zu wenig berücksichtigt. Hier geht es um gezielte Unterstützung bei Mobilität, Wohnen und Teilhabe sowie um eine familiengerechtere Ausgestaltung des Steuerrechts.
NUSSBAUM.de: Viele Schulen in Baden-Württemberg stehen vor großen Herausforderungen – vom Lehrkräftemangel über Unterrichtsausfall bis hin zu maroden Schulgebäuden und der Umsetzung von Digitalisierung. Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf im Bildungsbereich, und welche konkreten Maßnahmen würden Sie in der kommenden Legislaturperiode priorisieren?
Mayr: Der dringendste Handlungsbedarf liegt am Anfang der Bildungslaufbahn. Viele Probleme, mit denen Schulen heute kämpfen, entstehen bereits vor oder zu Beginn der Grundschule. Deshalb setze ich den Schwerpunkt auf einen gelingenden Schulstart.
Alle Kinder müssen mit ausreichenden Sprach- und Lernkompetenzen in die Schule starten. Dafür braucht es ein verpflichtendes letztes Kita-Jahr mit gezielter Förderung. Wo Defizite sichtbar sind, muss verbindlich unterstützt werden – erst Deutsch, dann erste Klasse. Programme wie SprachFit und die Sprachförderung müssen ausgebaut werden.
In der Schule selbst braucht es klare Prioritäten: Lesen, Schreiben, Rechnen und solides Wissen müssen wieder stärker im Mittelpunkt stehen. Ressourcen sollten sich stärker an den tatsächlichen Problemlagen der Schulen orientieren.
Schulen müssen zudem sichere Orte sein. Gewalt, Schulabsentismus und Unterrichtsausfall dürfen nicht hingenommen werden. Frühzeitige Intervention, aufsuchende Sozialarbeit und die Verantwortung der Eltern sind hier entscheidend.
NUSSBAUM.de: Viele Kommunen wie auch Weingarten müssen inzwischen immer mehr Schulden aufnehmen, versuchen zu sparen und gleichzeitig müssen sie hart kämpfen, um wichtige Projekte umzusetzen. Dabei spielen auch immer mehr finanzielle Forderungen des Landes eine Rolle. Wie kann man dieser Problematik entgegenwirken?
Mayr: Viele Kommunen geraten finanziell unter Druck, weil Einnahmen schwanken, Aufgaben zunehmen und Standards immer weiter steigen. Dagegen hilft kein einmaliges Programm, sondern verlässliche Strukturen.
Entscheidend ist eine dauerhafte Stärkung der Kommunalfinanzen. Dazu gehören verlässliche FAG-Zahlungen, zusätzliche Landesmittel in schwierigen Phasen und ein ausreichend ausgestatteter kommunaler Ausgleichsstock. Kommunen brauchen Planungssicherheit, keine kurzfristigen Notlösungen.
Gleichzeitig braucht es mehr Spielraum vor Ort. Städte und Gemeinden wissen selbst am besten, was sie benötigen. Einheitliche Standards müssen auf das Notwendige begrenzt, Genehmigungen vereinfacht und Vertrauen gestärkt werden. Regelungsbefreiungen dürfen kein Ausnahmefall sein.
Ebenso wichtig ist die Entlastung der Verwaltungen. Aufgaben müssen kritisch überprüft, Förderverfahren vereinfacht und digitale Lösungen stärker gebündelt werden. Gemeinsame Verwaltungsstrukturen können helfen, Kosten zu senken, ohne Leistungsqualität zu verlieren.
Kommunale Handlungsfähigkeit ist Voraussetzung für Investitionen und Vertrauen vor Ort.
NUSSBAUM.de: Viele Kommunen fühlen sich bei Migration und Integration überfordert. Wie schätzen Sie die Situation ein, und welche Ansätze halten Sie für besonders geeignet, um Städte und Gemeinden zu unterstützen?
Mayr: Die Kommunen haben in den vergangenen Jahren enorm viel geleistet. In vielen Gesprächen höre ich von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern: Die Belastungsgrenze war erreicht. Unterbringung, Integration und Akzeptanz vor Ort lassen sich nicht beliebig ausweiten.
Durch die jüngsten Änderungen auf Bundesebene spüren die Kommunen erste Entlastungen: weniger Zugänge, mehr Ordnung. Das ist richtig, reicht aber noch nicht.
Entscheidend sind schnellere und klare Verfahren. Asylverfahren müssen zügig abgeschlossen werden. Nur Menschen mit Bleibeperspektive dürfen in die Kommunen weiterverteilt werden. Wer kein Bleiberecht hat, muss konsequent zurückgeführt werden – möglichst direkt aus den Landeserstaufnahmestellen.
Gleichzeitig gilt: Wer bleiben darf, soll schnell integriert werden. Sprache lernen, arbeiten können, Teil der Gesellschaft sein. Integration funktioniert nur, wenn Regeln gelten – für alle. Dafür braucht es einen handlungsfähigen Rechtsstaat und eine verlässliche europäische Lösung, die Kommunen dauerhaft entlastet.
NUSSBAUM.de: Immer mehr Notfallpraxen schließen, und auch die medizinische Versorgung auf dem Land ist oft lückenhaft. Welche Strategien würden Sie verfolgen, um eine flächendeckende und verlässliche medizinische Versorgung sicherzustellen?
Mayr: Eine verlässliche medizinische Versorgung entsteht nicht durch Zentralisierung, sondern durch starke Strukturen vor Ort. Gerade im ländlichen Raum braucht es wohnortnahe Angebote und funktionierende Notfallstrukturen.
Ein zentraler Hebel ist die Gewinnung von Ärztinnen und Ärzten. Dazu gehören mehr Studienplätze, eine höhere Landarztquote sowie Stipendienprogramme in Zusammenarbeit mit Kommunen. Junge Mediziner erwarten heute Teamarbeit und flexible Modelle. Deshalb setze ich auf multiprofessionelle Praxen, an denen sich auch Kommunen beteiligen können.
Gleichzeitig müssen Krankenhäuser und Notfallpraxen verlässlich finanziert werden. Die Grund- und Regelversorgung, einschließlich leistungsfähiger Notfallambulanzen, muss in der Fläche erhalten bleiben. Integrierte Notfallzentren, in denen Rettungsdienst, Klinik und ambulante Versorgung zusammenarbeiten, verbessern Erreichbarkeit und Qualität.
Digitale Vernetzung, Telemedizin und eine klare Patientensteuerung über Hausärzte helfen, Versorgungslücken zu schließen und Notfallstrukturen zu entlasten. Ziel ist: schnelle Hilfe am richtigen Ort – in Stadt und Land.
NUSSBAUM.de: Das Land Baden-Württemberg hat sich der „Vision Zero“ verschrieben, also die Reduzierung der Verkehrstoten auf null. Welche konkreten Maßnahmen – etwa Infrastruktur, Sanktionen oder Bildungsprogramme – würden Sie prioritär unterstützen, um dieses Ziel im Land zu erreichen?
Mayr: Das Ziel der „Vision Zero“ – keine Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr – unterstütze ich ausdrücklich. Entscheidend ist aber, wie man dieses Ziel erreicht.
Für mich stehen Prävention, Technik und Infrastruktur im Vordergrund. Viele schwere Unfälle lassen sich durch bessere Straßenführung, sichere Kreuzungen, intakte Brücken, klare Beschilderung und moderne Verkehrstechnik vermeiden. Deshalb muss der Erhalt und Ausbau der Straßeninfrastruktur Priorität haben.
Ein zweiter Schwerpunkt ist Verantwortung im Straßenverkehr. Kampagnen wie „GIB ACHT IM VERKEHR“, die auf Ablenkung, Geschwindigkeit und Rücksichtnahme aufmerksam machen, sind wirksam – gerade bei Smartphone-Nutzung und riskantem Verhalten. Verkehrssicherheit beginnt im Kopf.
Sanktionen haben ihren Platz, ersetzen aber keine Prävention. Pauschale Maßnahmen wie flächendeckende Tempolimits halte ich nicht für zielführend. Stattdessen braucht es gezielte Lösungen an bekannten Unfallschwerpunkten.
„Vision Zero“ gelingt nur mit einem realistischen Ansatz: sichere Infrastruktur, moderne Technik und verantwortungsbewusstes Verhalten aller Verkehrsteilnehmer – nicht durch eine Politik gegen das Auto, sondern durch mehr Sicherheit für alle.
NUSSBAUM.de: Baden-Württemberg gilt als starker Wirtschaftsstandort, kämpft aber gleichzeitig mit vielen Problemen wie Fachkräftemangel oder auch der schwächelnden Automobilbranche. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage, und welche Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um Fachkräfte zu gewinnen und Unternehmen zu stärken?
Mayr: Baden-Württemberg steht wirtschaftlich unter Anpassungsdruck: Der Fachkräftemangel ist spürbar, und die Automobilindustrie befindet sich im Umbruch. Gleichzeitig bleibt unser Land ein starker Industrie- und Innovationsstandort.
Ein zentraler Hebel ist die Fachkräftesicherung. Das duale Ausbildungssystem ist unser größter Standortvorteil. Es muss weiter gestärkt werden – durch bessere Berufsorientierung, moderne berufliche Schulen, Teilzeitausbildung und Azubi-Wohnen. Berufliche und akademische Bildung sind gleichwertig. Deshalb setze ich mich für eine kostenfreie Meisterausbildung und ein starkes Handwerk ein.
Ergänzend brauchen wir gezielte Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte mit schnellen Verfahren und zügiger Anerkennung von Abschlüssen.
Für die Industrie, insbesondere die Automobilbranche, ist Technologieoffenheit entscheidend. Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit gelingen nur mit verlässlichen europäischen Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und Raum für Innovation – statt einseitiger Vorgaben.
NUSSBAUM.de: Die Energiewende wird oft als teuer und kompliziert wahrgenommen. Welche Schritte würden Sie ergreifen, um Klimaschutz sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und technisch machbar umzusetzen?
Mayr: Klimaschutz und Klimaanpassung müssen bezahlbar, wirksam und vor Ort spürbar sein. Ein Beispiel aus meinem Wahlkreis zeigt das deutlich: Das Starkregenereignis in Gondelsheim hat Häuser, Infrastruktur und viele Familien stark getroffen. Klimafolgen sind keine Theorie mehr, sie passieren hier und jetzt.
Deshalb setze ich auf einen pragmatischen Ansatz. Erstens: Schutz und Anpassung haben Vorrang. Starkregen- und Hochwasserschutz müssen schneller umgesetzt werden, Kommunen brauchen unbürokratische Förderung. Konzepte wie die Schwammstadt und eine Elementarschadenversicherung stärken Vorsorge und Sicherheit.
Zweitens: wirksamer Klimaschutz statt Symbolpolitik. Maßnahmen müssen sich an der tatsächlichen CO₂-Einsparung orientieren. Landesrechtliche Übererfüllung von EU-Vorgaben lehne ich ab, weil sie Kosten treibt, ohne zusätzlichen Nutzen zu bringen.
Drittens: Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit. Energie darf kein Luxusgut sein. Wir brauchen leistungsfähige Netze, Speicher und einen technologieoffenen Ausbau erneuerbarer Energien. Beim Heizen zählt die reale CO₂-Reduktion – nicht der Zwang zu einer bestimmten Technik.
Klimapolitik muss schützen, entlasten und funktionieren.
NUSSBAUM.de: Das Thema Sicherheit im öffentlichen Raum beschäftigt viele Menschen. Welche Rolle sollten Prävention und soziale Maßnahmen für die Sicherheitspolitik des Landes spielen und wie kann die Sicherheit im öffentlichen Raum erhöht werden?
Mayr: Sicherheit im öffentlichen Raum entsteht durch Prävention und konsequentes Handeln – beides gehört zusammen. Prävention kann helfen, Konflikte früh zu vermeiden, ersetzt aber nicht den handlungsfähigen Rechtsstaat.
Zentrale Rolle spielt eine starke, präsente Polizei. Mehr Fußstreifen, sichtbare Präsenz an bekannten Problempunkten und schnelle Reaktionen erhöhen die objektive und gefühlte Sicherheit. Polizei und Kommunen brauchen dafür klare Befugnisse und politische Rückendeckung.
Prävention wirkt dort, wo sie konkret ansetzt: gute Beleuchtung, saubere und übersichtliche Plätze, bauliche Maßnahmen sowie moderner Videoschutz an Orten, an denen sich Menschen unsicher fühlen. Diese Instrumente verhindern Straftaten und helfen bei der Aufklärung.
Soziale Maßnahmen sind wichtig, besonders bei Jugendlichen. Entscheidend ist aber, dass auf Regelverstöße schnell Konsequenzen folgen. Beschleunigte Verfahren im Jugendstrafrecht verhindern, dass sich kriminelle Karrieren verfestigen.
Für mich gilt: Sicherheit entsteht nicht durch Wegsehen. Sie braucht Prävention, klare Regeln und deren konsequente Durchsetzung – damit sich Menschen im öffentlichen Raum wieder sicher fühlen können.
(haf)
Weitere wichtige Fakten zur Landtagswahl und Interviews mit einzelnen Kandidaten gibt es auf unserer Übersichtsseite ► zum Wahlkreis 30 Bretten.