
Im Vorfeld der Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 08.03.2026 hat unsere Redaktion einige der Direktkandidaten befragt. Gestellt wurden insgesamt zehn Fragen aus unterschiedlichen Politikfeldern.
Für Die Linke geht im Neckar-Odenwald-Kreis der bei einer Hochschule angestellte, 47-jährige Fachinformatiker Jeffry Gorecki aus Mosbach ins Rennen. Gorecki gehört der Partei Die Linke seit 2025 an.
NUSSBAUM.de: Die Energie- und Lebensmittelpreise belasten viele Haushalte stark. Welche Instrumente halten Sie für wirksam, um Bürgerinnen und Bürger konkret zu entlasten?
Jeffry Gorecki: Wir fordern Sozialtarife für Strom und Wärme sowie ein Verbot von Strom- und Gassperren, damit Wohnungen beheizbar bleiben. Zur direkten Entlastung fordern wir ein monatliches Klimageld und einen Härtefallfonds gegen Energiearmut. Um die Lebensmittelpreise zu dämpfen, setzen wir uns auf Bundesebene für die Aussetzung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel ein. In Baden-Württemberg wollen wir Kantinen aufbauen, die gesunde Ernährung zum Selbstkostenpreis anbieten, und eine kostenfreie Mittagsverpflegung in Kitas und Schulen einführen. Zudem müssen die Marktmacht der Supermarktketten und Spekulation mit Lebensmitteln bekämpft werden, um Preistreiberei zu verhindern.
NUSSBAUM.de: Laut Pestel-Institut gibt es in Deutschland, vor allem in Baden-Württemberg, einen massiven Mangel an bezahlbarem Wohnraum, der sich in den nächsten Jahren verschärfen soll. Mit welchen Maßnahmen möchten Sie den Bau von neuen Sozialwohnungen unterstützen?
Gorecki: Wir wollen eine Landeswohnbaugesellschaft gründen, die selbst baut und kommunale Gesellschaften unterstützt. Ziel ist die Schaffung von jährlich 20.000 neuen, dauerhaft gebundenen Sozialwohnungen. Zudem fordern wir ein Ankaufsprogramm, um ehemals privatisierte Bestände, wie die der LBBW, in öffentliche Hand zurückzuholen. Wir setzen auf die Förderung des genossenschaftlichen und gemeinnützigen Wohnungsbaus statt auf Zuschüsse für private Investoren. Ein Sondervermögen „Soziales Wohnen“ soll die nötigen Mittel bereitstellen. Um Bodenspekulation zu beenden, sollen öffentliche Grundstücke nur noch in Erbpacht vergeben werden.
NUSSBAUM.de: Ist die aktuelle Kosten- und Aufgabenverteilung zwischen Land und Kommunen bei Kitas aus Ihrer Sicht gerecht? Sollte das Land mehr finanzielle Verantwortung übernehmen – und wenn ja, in welcher Form?
Gorecki: Nein, die Kommunen sind unterfinanziert. Das Land muss gemäß dem Konnexitätsprinzip – „Wer bestellt, bezahlt“ – die Kosten für Aufgaben übernehmen, die es den Kommunen überträgt. Wir fordern die gebührenfreie Kita und Ganztagsbetreuung. Dafür muss das Land dauerhaft mehr finanzielle Verantwortung übernehmen und die Betriebskosten mitfinanzieren, um die Kommunen zu entlasten und die „Kitastrophe“ durch fehlende Plätze und Personalmangel zu beenden. Auf Bundesebene setzen wir uns für ein Kita-Qualitätsgesetz ein, das den Ausbau und die Qualität dauerhaft finanziell absichert.
NUSSBAUM.de: Viele Kommunen fühlen sich bei Migration und Integration überfordert. Wie schätzen Sie die Situation ein, und welche Ansätze halten Sie für besonders geeignet, um Städte und Gemeinden zu unterstützen?
Gorecki: Wir wollen Kommunen durch die volle Erstattung der Unterbringungskosten über eine Pro-Personen-Pauschale entlasten und einen Fonds für „Willkommenskommunen“ einrichten, der Investitionen in die öffentliche Daseinsvorsorge für alle Bewohner ermöglicht. Statt Massenunterkünften setzen wir auf dezentrales Wohnen, um Integration zu erleichtern. Arbeitsverbote und bürokratische Hürden müssen fallen: Wer hier lebt, soll arbeiten dürfen, um sich selbst zu versorgen und die Kommunen zu entlasten. Integrationsbeauftragte und Dolmetscherpools müssen vom Land finanziert werden.
NUSSBAUM.de: Immer mehr Notfallpraxen schließen, auch die medizinische Versorgung auf dem Land ist oft lückenhaft. Welche Strategien würden Sie verfolgen, um eine flächendeckende und verlässliche Versorgung sicherzustellen?
Gorecki: Wir lehnen Krankenhausschließungen ab und wollen wohnortnahe Kliniken und Notfallpraxen erhalten. Die Notfallversorgung muss innerhalb von 15 Minuten erreichbar sein. Als Ersatz für wegfallende Praxisstrukturen wollen wir kommunale Gesundheitszentren fördern, die haus- und fachärztliche sowie pflegerische Leistungen unter einem Dach anbieten. Das Land muss seiner Investitionsverpflichtung für Kliniken nachkommen, um wirtschaftliche Schieflagen zu verhindern. Medizinische Versorgungszentren sollen in öffentlicher Hand liegen, nicht bei Finanzinvestoren.
NUSSBAUM.de: Der öffentliche Nahverkehr ist in vielen Regionen unzuverlässig, auf dem Land oft unzureichend. Welche konkreten Schritte halten Sie für notwendig, um Mobilität für Stadt und Land sicherzustellen?
Gorecki: Wir fordern in jedem Ort eine Anbindung an Bus und Bahn mit dichteren Taktungen und Ausbau des Nachtverkehrs. Ziel ist ein Halbstundentakt zwischen 6 und 20 Uhr auch in Kommunen ohne bisherige ÖPNV-Anbindung, notfalls durch Mobilitätsgenossenschaften mit Anschubfinanzierung. Lücken sollen durch Rufbusse und Sammeltaxis geschlossen werden. Wir fordern ein kostenfreies Deutschlandticket für Schüler, Azubis und Geringverdiener als Sofortmaßnahme, langfristig einen kostenfreien ÖPNV für alle. Um dies zu finanzieren, sollen Landesmittel aufgestockt und eine Nahverkehrsabgabe für Unternehmen eingeführt werden. Reaktivierung von Bahnstrecken und Barrierefreiheit haben Vorrang.
NUSSBAUM.de: Baden-Württemberg gilt als starker Wirtschaftsstandort, kämpft aber gleichzeitig mit Fachkräftemangel. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage, und welche Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um Fachkräfte zu gewinnen und Unternehmen zu stärken?
Gorecki: Fachkräftemangel ist oft Folge schlechter Arbeitsbedingungen. Wir setzen auf gute Löhne, Tarifbindung und Arbeitszeitverkürzung, um Berufe attraktiv zu machen. In der Ausbildung fordern wir eine Umlagefinanzierung, bei der alle Betriebe einzahlen, um mehr Ausbildungsplätze zu schaffen und Kosten zu verteilen. Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse muss unbürokratisch erfolgen. Für den Strukturwandel in der Automobilindustrie fordern wir Transformationsräte und Weiterbildungsprogramme mit Lohnausgleich, um Beschäftigte in zukunftsfähigen Branchen zu halten.
NUSSBAUM.de: Die Energiewende wird oft als teuer und kompliziert wahrgenommen. Welche Schritte würden Sie ergreifen, um Klimaschutz sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und technisch machbar umzusetzen?
Gorecki: Wir wollen die Energieversorgung rekommunalisieren und dezentral durch Stadtwerke und Genossenschaften organisieren. Das senkt Preise und stärkt die Akzeptanz vor Ort, etwa durch direkte finanzielle Beteiligung der Kommunen an Wind- und Solarparks. Energetische Sanierungen müssen warmmietenneutral erfolgen, sodass Mieter nicht belastet werden. Wir fordern Sozialtarife für Energie und massive Investitionen in Speichertechnologien und Netze. Die Kosten der Wende dürfen nicht auf Verbraucher abgewälzt werden, sondern müssen durch Profiteure und starke Schultern getragen werden.
NUSSBAUM.de: Viele Menschen fühlen sich von Politik und Verwaltung nicht ausreichend wahrgenommen. Wie beurteilen Sie das Vertrauen der Bürger in die Politik, und was könnte getan werden, um beispielsweise Verwaltung bürgernäher und handlungsfähiger zu machen?
Gorecki: Um Vertrauen zurückzugewinnen, braucht es mehr direkte Mitbestimmung. Wir wollen Bürgerbegehren und Einwohneranträge vereinfachen und Hürden senken. Auf Landkreisebene fordern wir die Direktwahl der Landräte, um die Politik näher an die Menschen zu bringen. Ein Transparenzgesetz soll Verwaltungshandeln nachvollziehbar machen. Zudem setzen wir uns für den Erhalt von Bürgerämtern und Dienstleistungen auch in ländlichen Räumen ein.
NUSSBAUM.de: Der Standort der vom Landkreis getragenen Neckar-Odenwald-Kliniken in Mosbach droht wegzufallen. Wie stehen Sie zu dem Wunsch, diesen zu erhalten und wie würden Sie gegebenenfalls dabei unterstützen?
Gorecki: Die Linke lehnt die Schließung wohnortnaher Krankenhäuser strikt ab. Schließungen verschlechtern die Versorgung vor Ort. Wir setzen uns für den Erhalt des Standorts Mosbach ein. Der Landkreis hat bisher die Defizite der Neckar-Odenwald-Kliniken getragen – hier ist das Land in der Pflicht, die Defizite zu finanzieren. Das Land muss auf ein kostendeckendes Modell der Krankenhausfinanzierung hinwirken, die Fallpauschalen und ihre Weiterentwicklung gefährden die Gesundheitsvorsorge, ganz besonders in ländlich geprägten Gebieten. Die Schließung des Mosbacher Krankenhauses verschärft wahrscheinlich zusätzlich den Mangel an niedergelassenen Ärzten, der bereits jetzt für Patienten spürbar ist, weil keine Ärzte mehr aus dem Krankenhaus in eigene Praxen wechseln.
