
Die Landtagswahl 2026 steht bevor, und die Menschen in Baden-Württemberg beschäftigen viele Fragen, die ihren Alltag direkt betreffen. Von steigenden Lebenshaltungskosten über Bildung, Gesundheit und Pflege bis hin zu Mobilität, Klimaschutz und Sicherheit – die Bürgerinnen und Bürger möchten wissen, wie es um ihr Land steht und welche Perspektiven die politischen Parteien bieten. In der Bad Schönborner Woche beantworten Kandidatinnen und Kandidaten Fragen zu den drängendsten Themen. Dabei geht es sowohl um ihre Analyse der aktuellen Lage als auch um konkrete Ideen und Maßnahmen, mit denen sie Herausforderungen angehen würden.
Wir sprachen mit Nicole Heger (Bündnis 90/Die Grünen), Projektmanagerin im Kundensupport IT, wohnhaft in Waghäusel. Seit 2018 ist die Kandidatin Parteimitglied der Grünen, seit 2019 Stadträtin in Waghäusel. Die Fragen stellte Ulrike Wolter.
NUSSBAUM.de: Die Energie- und Lebensmittelpreise belasten viele Haushalte stark. Welche Instrumente halten Sie für wirksam, um Bürgerinnen und Bürger konkret zu entlasten?
Nicole Heger: Wir wollen die Energiepreise langfristig senken, u. a. durch den Ausbau erneuerbarer Energien, Bürgerenergie, kommunaler Beteiligungen und klimafreundlicher Infrastruktur. Kommunen sollen mehr finanzielle Mittel erhalten, etwa durch einen höheren Gemeindeanteil an der Umsatzsteuer, um lokale Entlastungen zu ermöglichen. Die Senkung der Lebensmittelpreise können wir im Land nur über Bundesratsinitiativen unterstützen. Hier wäre eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel und eine Streichung auf Grundnahrungsmittel denkbar. Da es sich bei der Mehrwertsteuer um eine prozentuale Steuer handelt, würden bei der Senkung gesunde und biologisch angebaute Produkte überproportional profitieren.
NUSSBAUM.de: Das Förderprogramm „Junges Wohnen“ soll Auszubildenden und Studierenden den Einstieg in den Wohnungsmarkt erleichtern. Halten Sie eine Ausweitung der Landesmittel hierfür für notwendig?
Heger: Auf jeden Fall müssen die Programme ausgeweitet werden und das Programm „Junges Wohnen“, das Wohnraum für Azubis und Studierende schafft und Projekte gezielt fördert, bekannter werden. Zudem möchte ich, dass Leerstände aktiviert werden, etwa durch Wiedervermietungsprämie, Zweckentfremdungsverbote sowie Baulandmobilisierung, wodurch zusätzlicher günstiger Wohnraum entsteht.
NUSSBAUM.de: Wie sollte das Land Ihrer Meinung nach mit Leerstand und Umnutzung von Bestandsimmobilien umgehen, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?
Heger: Modellprojekte, die Umnutzung leer stehender Gebäude für junge Erwachsene voranbringen, sollen gefördert werden. Aus baurechtlicher Sicht wurden im vergangenen Juli erste Schritte zur erleichterten Um- und Nachnutzungen, vor allem für Wohnzwecke, unternommen, die jedoch nicht ausreichen. Hier braucht es flexiblere Regelungen für das Bauen im Bestand.
NUSSBAUM.de: Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf im Bildungsbereich, und welche konkreten Maßnahmen würden Sie in der kommenden Legislaturperiode priorisieren?
Heger: Ich sehe großen Handlungsbedarf bei frühkindlicher Förderung, Personal und Schulgebäuden. Priorität haben ein verpflichtendes, kostenloses letztes Kita-Jahr mit Sprachförderung, A13 für Grundschullehrkräfte, mehr Mittel für den Schulbau, Sanierungen und Ganztagsumbau. Zudem brauchen Schulen multiprofessionelle Teams zur Entlastung der Lehrkräfte und digitale Expertise vor Ort sowie den Ausbau der Studiengänge für mehr Absolvent*innen.
NUSSBAUM.de: Immer mehr Notfallpraxen schließen, und auch die medizinische Versorgung auf dem Land ist oft lückenhaft. Welche Strategien würden Sie verfolgen, um eine flächendeckende und verlässliche Versorgung sicherzustellen?
Heger: Wir setzen uns für eine wohnortnahe, sozialraumorientierte Gesundheitsversorgung ein: mit aktiver Beteiligung der Menschen selbst, die Expert*innen ihres Alltags sind. Wir wollen die geriatrische Versorgung verbessern, Hausarztstrukturen sichern und pflegerische Versorgung in der Fläche gewährleisten. Prävention, Teilhabe und Selbstbestimmung sind Leitprinzipien unserer Gesundheits- und Pflegepolitik. Die erfolgreiche Initiative „The Ländarzt“ zeigt, wie Hausärzte für den ländlichen Raum gewonnen werden können.
NUSSBAUM.de: Welchen landespolitischen Hebel sehen Sie als realistisch, um Pflegekräfte dazuzugewinnen und Einrichtungen zu stabilisieren – jenseits von Appellen an den Bund?
Heger: Der Pflegeberuf muss positiv beworben werden. Die Ausbildung wurde bereits modernisiert und eine assistierte Ausbildung in der Pflegehilfe etabliert. Ein zentrales Element ist der Ausbau der assistierten Ausbildung, die besonders unterstützt: Menschen mit Sprachbarrieren, Personen mit Lernschwierigkeiten,
Quereinsteiger*innen und Menschen, die zusätzliche sozialpädagogische Begleitung benötigen. Baden-Württemberg muss ein weltoffenes Bundesland bleiben, welches auch ausländischen Pflegekräften bei Genehmigungen und der Integration hilft und unbürokratische Wege findet, nicht-deutsche Berufsabschlüsse schneller
anzuerkennen.
NUSSBAUM.de: Das Land Baden-Württemberg hat sich der „Vision Zero“ verschrieben, also die Reduzierung der Verkehrstoten auf null. Welche konkreten Maßnahmen – etwa Infrastruktur, Sanktionen oder Bildungsprogramme – würden Sie prioritär unterstützen, um dieses Ziel im Land zu erreichen?
Heger: Ich möchte gerne die Verkehrssicherheit weiter stärken durch sichere Gehwege, mehr Zebrastreifen, kurze Ampelwartezeiten und geschützte Schulwege im Rahmen der landesweiten Fußverkehrsstrategie. Mit MOVERS BW sollen weiter aktiv sichere Schulwege durch Schulwegpläne, Schulstraßen, Radabstellanlagen,
RadService-Punkten und Bike-Pools sowie Beratung für Kommunen und Schulen gefördert werden. Gleichzeitig müssen wir das Radwegekonzept über den Ausbau sicherer Rad- und Fußwege weiter stärken. Über eine Bundesratsinitiative sollten wir uns wieder dafür einsetzen, dass Kommunen selbst entscheiden können, wo Tempo 30 oder ein Zebrastreifen notwendig ist.
NUSSBAUM.de: Die Energiewende wird oft als teuer und kompliziert wahrgenommen. Welche Schritte würden Sie ergreifen, um Klimaschutz sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und technisch machbar umzusetzen?
Heger: Wir Grünen wollen die Energiewende durch einen starken Ausbau von Wind- und Solarenergie vorantreiben, gestützt durch vereinfachte Genehmigungen und mehr Flächen. Kommunen erhalten eine Klimamilliarde für lokale Energie- und Klimaprojekte. Bürgerenergie möchten wir über ein eigenes Gesetz und
Startfinanzierungen stärken, damit alle Bürger*innen vor Ort von der Energiewende finanziell profitieren können. Zudem möchten wir weiter Ladeinfrastruktur, E-Mobilität und Zukunftstechnologien wie Batterien und Wasserstoff fördern.
NUSSBAUM.de: Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig, um die Sicherheit im öffentlichen Raum zu erhöhen, ohne die Freiheitsrechte einzuschränken?
Heger: Wir Grünen setzen im Bereich Sicherheit auf eine moderne und auch digital und personell gut ausgestattete Polizei. Damit kann auch Präsenz an Stellen gezeigt werden, an denen Menschen sich nicht sicher fühlen. Eine kriminalpräventive Stadtplanung, zum Beispiel mit besserer, intelligenter Beleuchtung oder der Entfernung von nicht einsehbaren Ecken, soll Angst- und Gefahrenräume entschärfen. Wichtig ist auch der Kampf gegen jede Art von Extremismus, inklusive Zerschlagung extremistischer Strukturen und Maßnahmen gegen Hass und Hetze. Dafür wurden u. a. schon Task Forces, Spezialdezernate und zusätzliche Justizstellen geschaffen.
NUSSBAUM.de: Blicken wir einmal ganz gezielt auf Bad Schönborn. Das ehemalige ophelis-Werksgelände in Langenbrücken wird derzeit umgenutzt. Welche Erwartungen und Bedenken verbinden Sie mit der geplanten Neuausrichtung dieses Standorts, speziell mit der Ansiedlung neuer Unternehmen – und welche landespolitischen Rahmenbedingungen wären dafür wichtig?
Heger: Der Abriss der ausgezeichneten ohelis-Halle war unnötig und reine Ressourcenverschwendung. Die Halle hätte umgenutzt werden können. Sie wurde auch mit einem digitalen Zwilling so errichtet, dass ein Rückbau und eine Wiederverwendung der Materialien möglich gewesen wäre. Anwohner im Industriegebiet Renz sind bereits durch starkes Lkw-Aufkommen und einen unfallträchtigen Straßenabschnitt belastet. Daher sollten Speditions- und Logistikbetriebe dort besser nicht angesiedelt werden. Sie bringen in der Regel auch kaum Gewerbesteuer, wenig qualifizierte Jobs und hohe Verkehrsbelastung – ihre Ansiedlung schadet Bad Schönborn. Die Planungs- und Steuerungsinstrumente liegen aufgrund der Planungshoheit der Kommune bei der Gemeinde Bad Schönborn. Es gibt wenig Spielraum, um auf der Landesebene einzugreifen.
NUSSBAUM.de: Als Kur- und Wohnort ist Bad Schönborn auf eine funktionierende Infrastruktur und attraktive öffentliche Angebote angewiesen. Welche landespolitischen Entscheidungen halten Sie für entscheidend, um Orte wie Bad Schönborn langfristig zu stärken – wirtschaftlich, infrastrukturell und in ihrer Lebensqualität?
Heger: Ich möchte, dass Baden-Württemberg weiter Kurorte wie Bad Schönborn mit dem Thermalbad durch das Tourismusinfrastrukturprogramm (TIP), das Sanierung, Modernisierung und Ausbau touristischer Einrichtungen wie Thermen fördert, unterstützt. Zudem muss das Land weiter Kurort-Prädikate und deren Qualität stärken und positives Marketing betreiben. In der Tourismusstrategie müssen Gesundheit und Wellness als zentrale Säulen betrachtet und gefördert werden. Auch Präventionsangebote und Krisenhilfen unterstützen die Orte. Bad Schönborn ist durch die gute Verkehrslage ein Anziehungspunkt für Familien. Um gute Angebote für diese schaffen zu können, ist die Kommune auf Landesmittel für die kommunalen Pflichtaufgaben angewiesen.
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