Kunst ist in Schwetzingen allgegenwärtig. Im öffentlichen Raum zieren die Kunstwerke aus verschiedenen Epochen und von verschiedenen Künstlern das ganze Stadtgebiet. Doch was steckt hinter den Gemälden oder Skulpturen? Im „Kunstwerk des Monats“ nehmen wir die Exemplare genauer unter die Lupe.
Zum Kunstwerk des Monats Juni, dem „Rennradfahrer“ von Peter Nettesheim, beantwortet Kunsthistorikerin Dr. Barbara Gilsdorf wichtige Fragen.
NUSSBAUM.de: Die Holzfigur des Radfahrers irritiert, wenn man mit dem Auto vorbeifährt. Ist das von Peter Nettesheim so gewollt?
Barbara Gilsdorf: Ob als Autofahrer, Radler oder Fußgänger, wer vom Schlossplatz aus die Katholische Kirche St. Pankratius ansteuert, ist über die Figur erst einmal irritiert. Denn: auf den ersten Blick scheint der eilig herannahende „Rennradfahrer“ seinen Drahtesel von dem Kirchenvorplatz aus verbotenermaßen auf die Schlossstraße zu lenken. Ebenso rasch, wie auch für den Verkehr ungefährlich, löst sich die Sekunde der Irritation auf, indem sich der auf einem wahrhaftigen Fahrrad Sitzende als eine realistisch gearbeitete Holzskulptur entpuppt. Peter Nettesheim schuf diese lebensgroße Figur, die er „bewusst als Verkehrssünder inszeniert“ hat, im Jahr 2013.
NUSSBAUM.de: Die Holzfigur des Radfahrers irritiert, wenn man mit dem Auto vorbeifährt. Ist das von Peter Nettesheim so gewollt?
Barbara Gilsdorf: Unter dem Motto „200 Jahre Zweirad“ fand 2017 nach achtjähriger Pause „Im Wege stehend VI.“ statt. Zu Ende der Open Air Ausstellungen wurden einige Objekte von Seiten der Stadt Schwetzingen angekauft, unter anderem der „Rennradfahrer“ von Peter Nettesheim. Die Figur wurde schnell zu einer der beliebtesten Kunstwerk Schwetzingen.
NUSSBAUM.de: Die Holzfigur des Radfahrers irritiert, wenn man mit dem Auto vorbeifährt. Ist das von Peter Nettesheim so gewollt?
Gilsdorf: Am 12. Juni 2017 jährte sich die legendäre erste Fahrt von Karl Freiherr von Drais mit seiner Laufmaschine zum 200. Mal. Jener war eng mit Schwetzingen verbunden: von 1805 bis 1807 unterrichtete er als Forstlehrer an der hiesigen privaten Lehranstalt seines Onkels und 1811 trat er hier seinen Dienst als Forstmeister ohne Forstamt an. Der Spross aus niederem Beamtenadel startete die Jungfernfahrt vom Mannheimer Schloss aus auf der alten Kunststraße Richtung Sommerresidenz Schwetzingen. Nach etwa 7 Kilometern machte er aus unbekannten Gründen an dem nicht mehr existenten Relaishäuschen (damals innerhalb des Schwetzinger Amtsbezirk, heute: Mannheim-Rheinau) eine Kehrtwendung wieder Richtung Mannheim.
NUSSBAUM.de: Die Holzfigur des Radfahrers irritiert, wenn man mit dem Auto vorbeifährt. Ist das von Peter Nettesheim so gewollt?
Gilsdorf: Der gebürtige Neunkirchener (*1945) Peter Nettesheim war nach einem Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Karl Bobek zunächst als Kunstpädagoge tätig, bevor er als freischaffender Künstler wirkte. Unter anderem erhielt er einen Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf und war bis 2005 Dozent an der Universität Siegen. Mit seinen unprätentiösen, doch charismatischen Figuren wird ihm bis heute große Aufmerksamkeit zuteil. Einer seiner mannigfaltigen Auszeichnungen war die Verleihung des Großen Kunstpreises Berlin.
NUSSBAUM.de: Die Holzfigur des Radfahrers irritiert, wenn man mit dem Auto vorbeifährt. Ist das von Peter Nettesheim so gewollt?
Gilsdorf: Die Skulptur des in Köln lebenden und viel beachteten Holzbildhauers ist typisch für seine Kunstwerke. Sie eint die Tatsache, dass sie in Verrichtung von alltäglichen Tätigkeiten und Gewohnheiten dargestellt sind. Dieses Einfrieren in banalen Situationen oder Bewegungsabläufen entsendet eine außerordentliche Ruhe und - trotz des Stillstands – suggerieren sie, sich im nächsten Moment in Bewegung zu setzen. Sie sind Ikonen, die dem alltäglichen Leben abgeschaut sind, wie man es von der Momentfotografie her kennt, zufällig, fast willkürlich eingefangen, als ob man der Schnelllebigkeit unserer Zeit zum Trotz “die Entdeckung der Langsamkeit” entgegenstellen wollte. Scheinbar banal, doch wirkt auch der Schwetzinger Rennradfahrer auf eine unaufdringliche Art anziehend.
Die Fragen stellte Dominik Ralser.



