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Spuk in Esslingen: Der kopflose Postmichel geht um

Ein Mord, ein Ring und eine unschuldige Verurteilung: „Unnützes Heimat-Wissen“ beleuchtet eine unheimliche Geschichte aus Esslingen.
Der Brunnen in der Esslinger Altstadt thematisiert die Sage vom Postmichel.Foto: vladacanon/GettyImages

Im Zentrum der Esslinger Fischbrunnenstraße steht seit 1916 der Postmichelbrunnen, der eine weit bekannte deutsche Sage erzählt. Bei dem sogenannten Postmichel handelt es sich um einen zu Unrecht zum Tode verurteilten Postreiter, namens Michel Banhard.

Folgenreicher Fund

Im Jahre 1491 wurde ein wohlhabender Esslinger Bürger namens Amandus Marchtaler auf dem Weg nach Stuttgart erschlagen. Der Postmichel ritt täglich zwischen Esslingen und Stuttgart hin und her. Mehr als zwei Jahre nach dem Mord fand er auf seinem Ritt einen goldenen Ring. Der Ring hatte ein Wappen eingraviert, welches Michel jedoch nicht bekannt war. Ihm war ebenfalls nicht bekannt, dass an der Stelle seines Fundes vor zwei Jahren der Mord stattgefunden hatte und der besagte Ring ursprünglich Eigentum von Marchtaler war.

Er steckte also den Ring an seinen Finger, um ihn sicher zu transportieren und in Esslingen als Fundstück abzugeben. Jedoch vergaß er bei seiner gewöhnlichen Rast an der Poststation, dass der Ring noch an seinem Finger war. So hatte er beim Eintreten in das Postwirtshaus völlig vergessen, den Ring an einem anderen Ort sicher zu bewahren.

Seinen Trinkkumpanen fiel der Ring sofort auf und sie erinnerten sich daran, dass der Ring, den Michel trug, der Ring des Ermordeten war. Matthäus von Welz, der Neffe von Marchtaler bestätigte dies ebenfalls kurz darauf. Somit wurde der Postmichel des Mordes beschuldigt.

Geständnis unter der Folter

Trotz der Widerlegung von Michel, die Tat begangen zu haben, wurde er im Wolfstor eingesperrt und so lange gefoltert, bis er gestand, Amandus Marchtaler erschlagen zu haben. So wurde er zum Tode verurteilt und anschließend enthauptet. Allerdings wurde ihm sein letzter Wunsch erfüllt: er wollte mit dem Posthorn zum Richtplatz reiten und noch einmal hineinblasen.

Dem unglücklichen Postreiter Michel Banhard wurde 1916 ein eigener Brunnen gewidmet.Foto: makasana/GettyImages

Seitdem soll der Postreiter jährlich als gespenstischer Reiter mit seinem Kopf unter den Arm auf einem Schimmel seinen Postweg entlanggetrabt sein. In der Michaelisnacht soll vor dem Haus des Richters in Esslingen immer sein Posthorn ertönt sein.

Erlösung der Spukgestalt

Einige Jahre später tauchte ein alter Mann in Esslingen auf und begegnete in der Michaelisnacht dem Geisterreiter. Er gab sich zu erkennen als Matthäus von Welz, also dem Neffen von Marchtaler. Er gestand nach all den Jahren den Mord an seinem Onkel aus Habgier, da er die Heimsuchung des Postreiters nicht mehr ertrug. Daraufhin starb der alte Mann, nachdem er seine letzte Kraft aufwenden musste, um sein Geständnis abzulegen. Seit diesem Tag fand der Postreiter Ruhe und der Spuk nahm ein Ende.

Spuren des Postmichels in Esslingen

Die Legende des Postmichels ist nach wie vor bedeutend für die Stadt. Daher wurde Anfang des 20. Jahrhunderts der Postmichelbrunnen erbaut und ist bis heute eine beliebte Sehenswürdigkeit in Esslingen. Die Bedeutung, die diese Geschichte hat, zeigt sich zum Beispiel auch am Namen einiger Restaurants, wie der „Postmichel Stube“ oder dem „Posthörnle“.

Die Geschichte spricht sich also seit mehreren Jahrhunderten herum und wird heute immer noch erzählt. Es gibt für die Sage keine sicheren historischen Belege. Jedoch sollte der, der sich nachts in Esslingen herumtreibt immer gut die Ohren offenhalten, denn vielleicht kan man das Posthorn noch immer hören.

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von Clara Herrmann
26.03.2026
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