Das Ortskuratorium Tübingen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz unter der Leitung von Gabriele Siegele lädt ein zu einer Vortragsveranstaltung mit Prof. Dr. Martin Bartelheim, prähistorischer Archäologe an der Universität Tübingen, und Dr. Marc Heise, stellvertretender Fachgebietsleiter Metallzeiten beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg.
Die beiden Forscher befassen sich mit einem Rätsel, das die Archäologie schon seit 100 Jahren beschäftigt: Was genau haben die Menschen vor tausenden von Jahren auf dem Lochenstein bei Balingen gemacht? Grabungsleiter Martin Bartelheim und Marc Heise legen neueste Erkenntnisse offen. Der Lochenstein ist als prähistorischer Höhenfundplatz am Trauf der Schwäbischen Alb schon seit über 150 Jahren bekannt. Sein Charakter wird seitdem kontrovers diskutiert. Auf Basis der ersten systematischen Grabungen dort im Jahr 1923 interpretierten Gerhard Bersu und Peter Gössler den Platz als Höhensiedlung. Daran schloss sich die allgemeine Forschungsmeinung an, nachdem er bis dahin als Opferplatz und naturheiliger Ort angesehen wurde.
Eine Besonderheit des Ortes ist seine weithin sichtbare, prominente und doch abgeschiedene Lage auf einem steilen Felsklotz ca. 400 m über dem Neckartal und seine begrenzte Zugänglichkeit, die bis heute nur über schmale Felspfade möglich ist. Die von Bersu auf dem Lochenstein festgestellte lange Nutzungskontinuität des circa 1 ha großen Plateaus zumindest von der Bronzezeit oder sogar Jungsteinzeit bis ins frühe Mittelalter mit bis zu zwei Meter dicken Fundschichten motivierte Grabungen seitens der Universität Tübingen und des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg, um die chronologische Sequenz von Siedlungsmaterialien für die Region besser zu erfassen. Das dabei geborgene üppige Fundspektrum und die Befundsituation lassen an der bisherigen Interpretation des Platzes als „normale“ Höhensiedlung zweifeln. Zahlreiche Indizien weisen eher darauf hin, dass der Lochenstein zusammen mit weiteren in jüngeren Jahren als naturheilige Plätze bezeichneten Fundstellen zu den bislang kaum bekannten Heiligtümern oder Opferplätzen im südwestdeutschen Mittelgebirgsraum gehört.
In diesem Vortrag werden Anhaltspunkte aus der Befundlage der Feldforschungen präsentiert und Argumente für eine Ansprache des Lochenstein als Heiligtum diskutiert.